Reif für den nächsten Literaturpreis: „Wilderer“ von Reinhard Kaiser-Mühlecker ist ein Heimatroman der anderen Art

Österreichische Landschaft Foto: Bücheratlas

Da ist dieser Schatten, der sich nicht vertreiben lässt. Ein ums andere Mal legt er sich über Jakob, hüllt ihn ein, führt in fort. Dorthin, wo ihm niemand folgen kann. Seit dem Ende der Kindheit, als er 12 oder 13 Jahre alt war, ist der Schatten ein sich immer mal wieder meldender Begleiter. Wie kann man damit leben?

Die Waffe in der Nachttischschublade

Der Österreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker macht in seinem Roman „Wilderer“ gleich auf der ersten Seite klar, dass mit Jakobs Psyche nicht alles im Lot ist. Dafür steht der mechanische Griff in die Schublade des Nachttisches, mit dem er nach einer Waffe greift, sie an die Schläfe hält und abdrückt. „Klack“. Ein leeres Geräusch. Mehr nicht. Immer noch nicht. Dabei steckt eine Kugel in der Trommel. Wenn es die Laune hergibt, spielt Jakob Russisch Roulette.

„Wilderer“ ist die Geschichte des Bauern Jakob Fischer, der nicht sicher ist, ob er die Zielstrebigkeit seines Großvaters geerbt hat oder die Sprunghaftigkeit seines Vaters. Auf jeden Fall ist Jakob ein guter Landwirt. Und er opfert kein Land für unausgereifte Projekte, wie es sein Vater getan hat. Nur mit den Menschen kommt er nicht recht klar.

„Mit Katja ging nichts mehr schief“

Mit den Eltern und der Großmutter lebt er fast ohne Kommunikation unter einem Dach auf dem Hof in Österreich. Mit der Schwester in Hamburg ist er immerzu im Streit und den Bruder, der in der Nähe wohnt, verachtet er lange Zeit. Dazu lärmt die nahe Autobahn, so dass Jakob oft zu Kopfhörern greift, um sich davor zu schützen. Auf den Ohren hat er dann nicht selten das Programm eines Kulturradios.

Eines Tages lernt Jakob die Künstlerin Katja kennen. Zwar ist er wortkarg und wenig entgegenkommend bei der Annäherung. Doch Katja erkennt in ihm etwas, das sie anzieht. Sie lässt nicht locker. Die beiden heiraten, ein Sohn wird geboren, und der Betrieb nimmt mit Katjas Hilfe richtig Fahrt auf. Er sei nicht verliebt in Katja, lesen wir, aber er liebe sie. „Mit Katja ging nichts mehr schief.“

„Betrieb des Jahres“

Dann stirbt die Großmutter und vererbt alles Geld an Jakob und nicht an „die rechte Partei“, wie befürchtet worden war. Dass es Andeutungen gibt, bei dem Erbe handele es sich um „Judengeld“, sei also bei Enteignungen auf unrechte Weise angesammelt worden, beschäftigt Jakob nur kurze Zeit. Katja behauptet: „Geld stinkt nicht.“ Plötzlich ist er alle finanziellen Sorgen los. Er kann sogar Land zurückkaufen, das der Vater verloren hatte. Und eine Auszeichnung gibt es obendrein: „Betrieb des Jahres“. Alles scheint sich bestens zu entwickeln.

Dennoch bleibt Jakob ein Mann, dem nicht ganz zu trauen ist. Zwar gibt es Phasen der Liebe in der Partnerschaft und Phasen des Glücks im Betrieb (bei dessen Schilderung es sich auszahlt, dass der Autor nicht nur Landwirtschaft studiert hat, sondern auch selbst als Landwirt in Oberösterreich arbeitet). Doch nie mag man dem Frieden trauen. Kontrollverlust lauert auf vielen Ebenen – bei den wildernden Hofhunden, bei den Corona-Viren und beim „Namenlosen“, das Jakob umtreibt. Die düsteren Momente ploppen mal da und mal dort auf. Das wird nicht breit ausgewalzt, sondern effektvoll platziert.

„Manchmal richtiggehend unheimlich“

Reinhard Kaiser-Mühlecker gelingt es vortrefflich, eine latent bedrohliche Atmosphäre um seinen Helden zu kreieren. Die Ruhe und Klarheit, in der hier erzählt wird, steht in starkem Kontrast zum Wutkern, der in Jakobs Innerem glüht. Aus seiner Perspektive verfolgen wir die Ereignisse – es ist nicht so, dass wir seiner Darstellung immer trauen können. Und weil er sich nicht für die Kunst seiner Ehefrau interessiert, erfahren wir wenig über die Künstlerin, die auch auf diesem Feld immer erfolgreicher wird. Katja bekennt eines Tages, Jakob „sei ihr manchmal richtiggehend unheimlich.“ 

Reinhard Kaiser-Mühlecker hat einen Heimatroman geschrieben, dem alles Tümeln ausgetrieben ist. Alarm statt Alpenglühen. Mehr tiefes Tal als hoher Gipfel. „Wilderer“ ist ein souveränes Kunstwerk. Die Spannung steigt, welcher Literaturpreis gerade für Reinhard Kaiser-Mühlecker poliert wird.  

Martin Oehlen

Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Wilderer“, S. Fischer, 350 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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