Szenen eines Künstlerlebens: Die Arbeitstagebücher von Ingmar Bergman, des „Besten Regisseurs aller Zeiten“, in faszinierender Auswahl

Die Krone der Filmkunst wurde Ingmar Bergman im Jahre 1997 in Cannes aufgesetzt. Dieses Exemplar hier glänzt vor dem Stockholmer Panorama. Foto: Bücheratlas

Am Anfang waren die Spiralhefte. Was immer Ingmar Bergman (1918-2007) an Geschichten für Bühne und Leinwand einfiel, hat er in diesen „Kollegieblocks“ festgehalten, überdies vieles zu Welt und Wetter. Die Arbeitsbücher, wie der große Schwede die Hefte nannte, wurden in seinem Heimatland erstmals im Jahre 2008 in zwei Bänden veröffentlicht. Renate Bleibtreu hat nun daraus eine üppige Auswahl erstellt und ins Deutsche übersetzt.

Schlafstörungen, Knieschmerzen und Steuerprobleme

Der Alltag ist die Kunst, und die Kunst ist der Alltag. Immerzu mischen sich in diesen „Arbetsboken“ die Bereiche. Es ist ein dichtes Geflecht, in das man sich gerne verstrickt. Wer die Filme und Theaterstücke kennt, von denen hier die Rede ist, befindet sich klar im Vorteil. Allerdings erleichtern kurze Überblicke zu jedem Jahrgang die Orientierung.

Bergman gibt unverhohlen, gelegentlich ironisch Auskunft über seine Gemütslage, über Nervosität und Traurigkeit, Schlafstörungen und Knieschmerzen, Schein und Sein. Über Steuerprobleme und das Glück des Nachhausekommens auf der Ostseeinsel Farö.

„Ich habe mich für meine Kinder nicht groß interessiert“

Von seiner Familie im steten Wandel ist hingegen wenig die Rede. Also von den fünf Ehefrauen, mit denen er acht Kinder hatte, und von der Beziehung mit Liv Ullman, aus der eine Tochter hervorging. Die Arbeit geht immer vor, so scheint es. „Ich habe mich für meine Kinder nicht groß interessiert,“ schreibt er 1992. „Sie kamen immer an zweiter oder dritter oder sonst einer Stelle.“ Da seien seine eigenen Eltern ganz anders gewesen, deren Sorgen und Trachten „an jedem Tag ihres Lebens uns Kindern“ gegolten habe.  

Spannend ist vor allem, wie differenziert über den künstlerischen Prozess räsoniert wird. Das ist es nicht zuletzt deshalb, weil auch Zweifel und Scheitern benannt werden. Bergman äußert sich über Pläne und Projekte, spricht über den Zusammenhang von Bild und Dialog, oder er macht einen Plan: „Morgen schreibe ich mal über die Beleuchtung und irgendwas möglichst ganz Einfaches, ohne Verkomplizierung oder Großtuerei.“ Die Beleuchtung, man erinnert sich womöglich, war eine Spezialdisziplin von Bergman und seinem Kameramann Sven Nykvist.

„Ich will nicht mehr an diesen Ehekonflikten herumtätscheln“

Über allem steht der Stoff, den er gerade mit sich herumträgt, die Szene, die er umkreist. Ein Kopf voller Kunst. Da wird entworfen und verworfen. Einmal lesen wir: „Ich will nicht mehr an diesen Ehekonflikten herumtätscheln. Die langweilen mich mehr, als ich sagen kann, sie sind so grauenhaft humorlos und seriös und todernst und durchschaubar und übertrieben, ohne wirklich überzeugend begründet zu sein. Ich kann den Mist schon auf Anhieb nicht leiden.“ Das war 1957, also zu einer Zeit, als er gerade mit dem „Lächeln einer Sommernacht“ bei den Filmfestspielen in Cannes den internationalen Durchbruch erzielt hatte – und als noch viele Szenen einer Ehe vor ihm lagen.

Diese intimen Einblicke blieben zu Lebzeiten unveröffentlicht. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass sie im Wissen um eine mögliche spätere Veröffentlichung formuliert worden sind. Jedenfalls erwecken manche Passagen in den späteren Heften – etwa die ausführliche Schilderung seiner Ängste – den Eindruck, als sollten sie nicht auf ewig allein dem Autor vorbehalten bleiben. Auf jeden Fall hat Bergman, wie der Berenberg Verlag erläutert, in seinen autobiographischen Texten gelegentlich aus den Tagebucheinträgen zitiert. Heute gehören sie mit dem Archiv der Ingmar-Bergman-Stiftung zum Weltdokumentenerbe der Unesco.

Die Münchner Jahre bleiben außen vor

Eine große Lücke fällt in Renate Bleibtreus Auswahl auf. Die Zeit vom Juli 1979, als Ingmar Bergman gerade mit „Fanny und Alexander“ begonnen hatte, bis zum Juni 1992 bleibt unberücksichtigt. Es war im Übrigen die Zeit, als er sich eine Weile in München aufgehalten hatte. Aber auch ohnedem ist reichlich Material vorhanden.

Für Cineasten sind die Arbeitstagebücher des Mannes, der 1997 in Cannes als „Bester Regisseur aller Zeiten“ mit der „Palme der Palmen“ ausgezeichnet wurde, eine Fundgrube. Und allen anderen, die den Künsten nahestehen, ist eine faszinierende Lektüre garantiert.

Martin Oehlen

Auswahl aus dem Werkverzeichnis

„Das Lächeln einer Sommernacht“ (1955)

„Das siebente Siegel“ (1957)

„Wilde Erdbeeren“ (1957)

„Das Schweigen“ (1963)

„Persona“ (1966)

„Szenen einer Ehe“ (1973)

„Das Schlangenei“ (1977)

„Herbstsonate“ (1978)

„Fanny und Alexander“ (1982)

„Sarabande“ (2003)

Ingmar Bergman: „Ich schreibe Filme – Arbeitstagebücher 1955-2001“, hrsg. und übersetzt von Renate Bleibtreu, Berenberg, 448 Seiten, 28 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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