Michel Houellebecq blickt wieder in die Zukunft: Frankreichs Starautor ist mit „Vernichten“ ein großes Zeitpanorama geglückt

Michel Houellebecq zeichnet ein quirlig-melancholisches Zeitpanorama. Klingt merkwürdig, funktioniert gleichwohl. Foto: Bücheratlas

Das ist Pech für den Präsidenten. Zu Beginn des Jahres 2027 ist der Mann an Frankreichs Spitze durchaus beliebt und könnte entspannt auf eine weitere Amtszeit hoffen. Doch das wäre dann die dritte in Folge – und das sieht die Verfassung nicht vor. Aber da lässt sich doch bestimmt etwas machen. Oder?

Ein Präsident wie Emmanuel Macron

Mit der französischen Präsidentschaft hatte sich Michel Houellebecq schon in seinem Roman „Unterwerfung“ von 2015 befasst. Die Geschichte lief darauf hinaus, dass im Jahre 2022 eine muslimische Partei den Wahlsieg davontragen würde. Aber danach sieht es derzeit in Frankreich nicht aus. Vielmehr scheint Emmanuel Macron durchaus Chancen zu haben, abermals siegreich zu bestehen. Dass er im April kandidieren wird, darf als sicher gelten.  

Davon geht jetzt auch der druckfrische, in Frankreich hibbelig erwartete und dort vor wenigen Tagen erschienene Houellebecq-Roman „Vernichten“ („Anéantir“) aus. Zwar verwendet der Autor vielfach die Klarnamen von Politikern, Fernsehgrößen, Esoterikern, Autoren, Attentätern und Anarcho-Primitivisten (doch, die gibt es). Der Name Emmanuel Macron fällt allerdings nicht. Gleichwohl haben wir ihn schon vor Augen, wenn es heißt, dass der Präsident zur Begrüßung gerne dem Gegenüber die Hand auf die Schulter lege.

„Die Teilung des Kühlschranks“

Aus mehreren Perspektiven wird schnell und griffig erzählt. Eindeutig im Zentrum steht Paul Raison. Der ist ein heller Kopf und Weltverächter. Als wir ihn Ende des Jahres 2026 kennenlernen, ist seine Ehe mit Prudence erschlafft: „Es war sicherlich die Teilung des Kühlschranks, die den Niedergang ihrer Beziehung am besten symbolisierte.“ Auch leidet er unter Alpträumen.  Beruflich hingegen läuft alles bestens. Paul ist im Wirtschafts- und Finanzministerium der engste Berater des Ministers.

Dieser Bruno Juge, der von seiner Ehefrau getrennt lebt – ja, das Modell Ehe bröckelt in diesem Roman erheblich -, dieser Bruno also ist ein anerkanntes und kompetentes Regierungsmitglied. Wer in ihm einen optimierten Wiedergänger des realen Ministers Bruno Le Maire vermutet, mit dem Michel Houellebecq befreundet ist, hat wohl eine gute Spur. Bruno Juge ist zunächst sogar als Präsidentschaftskandidat für 2027 im Gespräch. Doch dann fällt die parteiinterne Wahl auf einen fernsehbekannten Quereinsteiger.

Welle von Terroranschlägen

Warum nur hat sich der amtierende Präsident innerhalb seiner Partei für den populären, aber unerfahrenen Benjamin Sarfati eingesetzt? Das ist das kleine Politik-Einmaleins: Der nach zwei Amtszeiten nicht mehr zur Wahl zugelassene Präsident könnte, so das mögliche Kalkül, nach dem Sarfati-Intermezzo ein weiteres Mal antreten. Die Öffentlichkeit würde diese Perspektive umso stärker begrüßen, desto schwächer der Nachfolger agierte.

Während dieses Politpokers ereignen sich weltweit Terrorüberfälle. Die Geheimdienste sind so ratlos wie machtlos. Immerhin gelingt es den betroffenen Staaten, die monströsen Anschläge weitgehend zu verheimlichen. Der Roman erinnert da und dort auch an die islamistischen Morde in den 2010er Jahren. Michel Houellebecq war davon in spezifischer Weise betroffen. Als sein Roman „Unterwerfung“ am 7. Januar 2015 in Frankreich erschien, verübten Islamisten den Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Damals war auf dem aktuellen Titelbild des Satiremagazins eine Karikatur von Michel Houellebecq zu sehen.

Anmerkungen quer durch den Polit-Garten

Aber wer sind diesmal, in der Fiktion, die Attentäter? Pauls Vater hatte einst beim Geheimdienst gearbeitet. In seinem Haus im Beaujolais, das aus Sicherheitsgründen nicht leicht zu finden ist, gibt es einen Aktenordner mit brisanten Unterlagen. Die könnten Hinweise auf die Terrorwelle geben. Aber es gibt ein Problem: Der Vater hat einen Schlaganfall erlitten und kann nur noch mit einem Blinzeln ein „Ja“ und mit einem Nichtblinzeln ein „Nein“ andeuten.

Die massive Lebenseinschränkung, die der Vater erfährt, führt zu einer Exkursion in die Altenpflege. Dass sich Houellebecq als politischer Autor, der er ist, erzählend Luft verschafft, ist bekannt. So belässt er es nicht bei der Kritik an der Pflege. Vieles kommt zu Sprache. Mal beiläufig, mal etwas forscher: die Verlässlichkeit der Politik, der Landschaftsschutz, das Verschwinden der Mittelschicht, die Bewahrung der Kulturschätze, die Arbeitslosigkeit, die Abwertung von Vergangenheit und Gegenwart zugunsten der Zukunft.

„Sexuelles zwischen Frankreich und Deutschland“

Unter diesen Anmerkungen zur Zeit sind prickelnde Beobachtungen. So deutet Paul die Neigung des Präsidenten, bei jeder Gelegenheit „die Lippen auf alle deutschen Kanzlerinnenwangen zu drücken“, mit diesen Worten: „Es war doch etwas Sexuelles zwischen Frankreich und Deutschland, etwas eigenartig Sexuelles, und das schon seit langer Zeit.“ Die Pandemie hingegen, die unsere Gegenwart dominiert, findet in Houellebecs Vision keinen Nachhall – sieht man einmal ab von der Verwendung der Trendvokabel „exponentiell“.

Die kritische Situation des Vaters bringt die Familie zusammen. Doch das Wiedersehen der drei Geschwister mit ihrem jeweiligen Anhang ist nicht nur in Harmonie getaucht. Solidarität mischt sich mit gelegentlicher Hinterhältigkeit.  Dann aber doch ein kleines Wunder – die Eheleute Paul und Prudence finden wieder zueinander: Sex, Liebe, Solidarität. Parbleu! So romantisch kann es also in einer Houellebecq-Geschichte zugehen.  

Am Ende geht es ums nackte Leben

Zu diesem Lesezeitpunkt glaubt man, dass der Roman seinen finalen Twist erreicht habe. Doch dann macht Michel Houellebecq noch ein Fass auf. Die Schilderung von Pauls Krebserkrankung ist von schmerzender Intensität. Die satirischen Momente, die den Roman bis dahin bereichert haben, sind auf den letzten 100 Seiten verschwunden. Dem Autor gelingt es hier, wie zuvor schon bei der Darstellung des Vaters, dem Todkranken die Würde zu belassen. Nach dem erfrischenden Blick in die Trickkiste der Politik und der süffigen Darstellung der Familienbande geht es am Ende nur noch um das nackte Leben.

Michel Houellebecq hat sich für die ganz große Leinwand entschieden. Sein Roman aus dem Frankreich der nahen, fast schon gegenwärtigen Zukunft ist so seitenstark wie noch keiner zuvor. Was aber viel wichtiger, weil entscheidend ist: Das Bild, das er malt, ist reich an Farben, leicht fatalistisch grundiert und durchweg faszinierend. Es besticht in seinen Abgründen, seinen Details, seinem Schwung, seiner Komplexität, seiner Dichte und Differenzierung. „Vernichten“ ist vieles in einem. Es ist ein Gesellschaftsroman, ein Politroman, ein Familien- und Eheroman, auch ein Arztroman. Bannend vom Anfang bis zum Ende. Ein großer Wurf.

Martin Oehlen

Randnotiz

Die kryptischen Zeichnungen, die die Anschläge der Jahre 2026 und 2027 begleiten, sind dem Roman als Illustrationen beigefügt. Sie sind mit dem Copyright Michel Houellebecq versehen. Da präsentiert sich der Autor als Gelegenheits-Zeichner. 

Auf diesem Blog

gibt es zahlreiche Beiträge über Michel Houellebecq. Zuletzt haben wir hier den fantastischen Sammelband „Michel Houellebecq“ vorgestellt, den Agathe Novak-Lechevalier herausgegeben hat – und zwar HIER. Seinen zuletzt erschienenen Roman „Serotonin“ haben wir HIER vorgestellt.

Michel Houellebecq: „Vernichten“, dt. von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, DuMont Buchverlag, 624 Seiten, 28 Euro. E-Book: 24,99 Euro.

Ein Gedanke zu “Michel Houellebecq blickt wieder in die Zukunft: Frankreichs Starautor ist mit „Vernichten“ ein großes Zeitpanorama geglückt

  1. Also, ich muss sagen, dass mich das Buch ratlos und traurig zurückgelassen hat. Die Erzählfäden blieben unaufgelöst, die Figurenentwicklung fand ein allzu abruptes Ende. Mich beschleicht das Gefühl, Houellebecq hat aufgegeben, entweder zu viel oder zu wenig gewollt. Seltsam, aber auf eine irgendwie verstörende Art tatsächlich als eine Art Zeitgemälde mit ungewissem Ausgang lesenswert.

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