Da nullt die Null am allernullsten: Gerhard Rühms „Epigramme und Epitaphe“ in vitalen Formen und Farben

Gerhard Rühm Foto: Bücheratlas

Epigramme und Epitaphe“ sind es, die Gerhard Rühm in seiner neuesten Veröffentlichung anbietet. Der Titel könnte knapper und klarer nicht sein. Allerdings klingt er zum ersten ziemlich streng, weil Inschriften eben recht wortkarg daherkommen, und zum zweiten ziemlich morbid, weil das in der Natur von Grabinschriften liegt. Aber nur keine Bange: Gerhard Rühm, der Multikünstler des Jahrgangs 1930 mit Wohnsitzen in Wien und Köln, ist kein Autor für strapaziöse Weihestunden. Seine Wortbildkunst ist dem Spiel des Zufalls ebenso zugetan wie der Freude an der Pointe, sie zielt aufs gesellschaftlich Konkrete wie auf den freien Raum für das Klickern der Assoziationen. Ein bisschen Neo-Dadaismus ist auch mit drin: „in nuller verschuldung / und nullster vernullung / nullt die null / am allernullsten“.

„Schnuller verloren“

Der Band versammelt vor allem Arbeiten, die im neuen Jahrtausend entstanden sind, erlaubt sich aber auch einen Zeitsprung zurück in die 1950er Jahre. Am Anfang stehen die Epigramme. Dabei handelt es sich um sechs je sechsteilige Zyklen aus Wortbildern – allesamt Fundstücke aus dem Alltag. Als da beispielsweise wären: Ein Strafzettel, ein handschriftlicher Hinweis der Hotel-Rezeption, eine Strichliste, das Wort „Nichts“, ein Autogrammwunsch (nebst Autogramm) oder die Überschrift einer Boulevard-Zeitung: „Schnuller verloren: Eltern des Kölner Babys Augustin berichten von der Segnung durch Benedikt XVI.“

Mag auch jedes Wortbild für sich „funktionieren“, so ergibt sich ein zusätzlicher Reiz daraus, die insgeheimen Verbindungen der Motive zu entdecken. Die möglichen Kombinationen und Konjunktionen sind vermutlich ohne Zahl. Auf jeden Fall gilt, was auf einem Bild zu lesen ist: „Jedes Wort zählt“.

„kurz nach zehn / ists dann geschehn“

Den größeren Teil des Bandes nehmen die Epitaphe ein. Ihnen allen wohnt das Ende inne. Dorthin streben sie – mal in strenger Reihung, mal in monovokalem Rauschen von „e“ und „ä“, mal in Achtelnoten und mit Intervall-Angaben, mal im freien Fall und immer in Kleinschreibung.  

Die ungleichen Brüder Kain und Abel werden präsentiert, von denen es heißt: „kain schlief mit den schwestern / abel war von gestern“. Wem das bessere Ende beschieden war, dem Lebenslustigen oder dem Strenggläubigen? Hier die Antwort: „kain ward alt, uralt, / abel starb schon bald.“ Einige Male wendet sich Rühm der Schöpfung zu, zumal unserem brutalen Umgang mit derselben. Da formuliert er Epitaphe auf arme Schweine und aussterbende Insekten. Und schließlich weiß das lyrische Ich um seine eigene Sterblichkeit. Der „ungute abzählvers“ geht so: „um halb zwei / wars schon drei / um halb acht / wars noch nacht / um fünf vor vier / war jemand hier / kurz nach zehn / ists dann geschehn“.

Türkisch für Anfänger

Einmal gibt es einen ausführlichen Einblick in die Werkstatt des Dichters. So sah Rühm sich nach Lektüre eines Zeitungsberichts über den „Ehrenmord“ an der zwanzig Jahre alten Gülsüm S. veranlasst, „zu diesem erneuten fall von pathologischem religionsfanatismus in irgendeiner form“ Stellung zu nehmen. Spontan habe er sich für ein Gedicht in türkischer Sprache entschieden, das ausschließlich aus Wörtern mit „ü“ bestehen sollte. Allerdings ist Rühm dieser fremden Sprache nicht mächtig. Vielmehr hat er seine Frau gebeten, aus dem „Langenscheidts Wörterbuch Türkisch“ alle Wörter herauszusuchen, die ausschließlich den Vokal „ü“ enthalten. Das waren – der Ehefrau, dem Wörterbuch und dem Türkischen sei Dank – nicht wenige.

Diese Wörter ordnete Rühm in fünf biografische Kapitel: Gülsüm, die Eltern, Unterdrückung/Konflikt, Sorge/Verurteilung und schließlich Panik/Mord. Als das Gedicht vollendet war, legte Rühm es einem türkischen Freund vor, der allerdings bekannte, manche der verwendeten Begriffe nicht zu kennen. Tja. Also ließ Rühm das Werk erst einmal ruhen, doch nicht das Werk den Autor.  Sieben Jahre später kam es zu einer revidierten und mit Kommentaren versehenen Fassung.

„gül (rose) / güllük (rosengarten) / gülücük (lächeln)“

Die hat tonale Intensität und inhaltliche Kraft. Die erste Strophe, die Gülsüm vorstellt geht so: „gül (rose) / güllük (rosengarten) / gülücük (lächeln) / gülüncü (humorvoll, witzig) / gün (tag, sonne) /hüsün (schönheit) / düs (traum) / küfür (wind, säuseln) / zülü (haar) / rüst (reife, volljährigkeit) / hür (frei) / hürlük (freiheit)“.  Ein Leben in Ü.   

Gerhard Rühm hat in seinem Leben schon sehr viele Bücher veröffentlicht. Immerhin geht er seiner Kunst seit den frühen 1950er Jahren nach. Auch wächst die Ausgabe der Gesammelten Werke stetig an und soll dereinst insgesamt 16 Einzelbände füllen. Umso schöner ist es da, wenn diese jüngste Veröffentlichung einen so starken Eindruck vermittelt vom großen Kunstraum, in dem sich Gerhard Rühm bewegt.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog haben wir über eine Veranstaltung mit Gerhard Rühm aus Anlass seines 90. Geburtstages berichtet – und zwar HIER.

Gerhard Rühm: „Epigramme und Epitaphe“, Ritter Verlag, 136 Seiten, 14,90 Euro.

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