Der Flug zum zweiten Ich: „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, ist ein furioses Feuerwerk

Foto: Bücheratlas

Dass ein französischer Roman in Deutschland sowohl beim Publikum als auch in der Presse bestens ankommt, ist nicht so oft der Fall. Auch nicht, wenn er mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet worden ist. Aber nun ist es passiert: „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier hat zuletzt sogar einen Spitzenplatz auf der Bestsellerliste besetzt und kennt keinen Mangel an begeisterten Rezensentinnen und Rezensenten.

Action mit Tiefgang

Das ist gut und richtig so. Denn „Die Anomalie“ ist reich an psychologischer wie philosophischer Finesse. Vor allem aber ist der Roman schnell, originell, politsatirisch und spannend. Hier gibt es Action mit Tiefgang.

Die Grundidee ist nicht ohne: Eine Passagiermaschine der Air France fliegt am 10. März 2021 von Paris nach New York, und sie tut es ein zweites Mal am 24. Juni 2021. Soweit nichts Ungewöhnliches. Selbst die heftigen Turbulenzen, zu denen es beim Durchfliegen eines Schlechtwettergebietes kommt, sind nicht das Besondere. Sensationell ist allerdings, dass es sich bei beiden Flügen um exakt dieselbe Maschine mit exakt denselben 243 Personen an Bord handelt. Als wäre es eine Simulation. Wie kann das sein?

110 Tage Vorsprung

Die USA setzten Maschine, Besatzung und Passagiere auf der McGuire Air Force Base fest. Sofort wird alarmiert, wer nur alarmiert werden kann, um das Rätsel aufzuklären: Militärs, Nobelpreisträger, Psychologen, religiöse Oberhäupter. Schließlich geht es hier um die nationale Sicherheit, die Gesetze der Physik und Aspekte der Schöpfung. Dabei wird streng nach dem Krisen-Protokoll 42 verfahren. Bald schon steht fest: Jeder Passagier an Bord der weggesperrten Juni-Maschine hat einen hundertprozentigen Doppelgänger, der in der März-Maschine saß und nun in einer weltweiten Geheimaktion aufgespürt wird. Ein pikanter Unterschied: Die März-Besatzung hat einen Lebensvorsprung von 110 Tage vor der Juni-Besatzung.

Stimmt – das klingt kompliziert. Es hat aber spektakuläre Konsequenzen, wenn sich die Doppelgänger schließlich unter großen Sicherheitsvorkehrungen begegnen. Da trifft das Ich auf sein anderes Ich und wird das Individuum mit sich selbst konfrontiert.  Gut, es gibt Ausnahmen: Der Schriftsteller Victor Miesel hat sich am 22. April 2021 umgebracht, so dass seine Juni-Version nun alleine dasteht, wenn auch mit einem Buch des Titels „Die Anomalie“, das sein anderes Ich noch vollendet hat. Auch der Blake der März-Version ist bald wieder alleine auf der Welt. Als perfekter Killer kann er es nicht hinnehmen, dass er Konkurrenz von einem anderen Perfektionisten bekommt – sei der auch sein Alter Ego. Es kann in diesem Falle nur einen geben.

Viele Fälle von diesem Kaliber bietet Hervé Le Tellier auf. Doch mehr sei nicht verraten. Wir wollen ja nicht die Spannung pulverisieren. Nur noch so viel: „Die Anomalie“ ist ein furioses Feuerwerk.

Martin Oehlen

Hervé Le Tellier: „Die Anomalie“, dt. von Jürgen und Romy Ritte, Rowohlt, 350 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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