Universal-Architekt der Leichtigkeit: Prachtband würdigt das Werk des Gio Ponti – vom superleichten Stuhl zum Wolkenkratzer

Seitenansicht des Pirelli-Hochhauses in Mailand, das in den Jahren 1956 bis 1960 errichtet wurde. Die Firma Pirelli hat das Gebäude 1978 an die lombardische Regionalregierung verkauft. Heute ist es Sitz des Regional-Parlaments. Foto: Taschen Verlag

Was vor allem beeindruckt: Gio Ponti (1891 – 1979), der Architekt aus Mailand, war ein Mann der zahlreichen Talente. So vieles, was auf dem weiten Feld der Baukunst und des Designs verlockt, ist mit seinem Namen verbunden. Ponti nahm sich mit gleicher Inbrunst der Gestaltung einer Toilettenschüssel an wie der einer Kirche. Er gab Fachzeitschriften wie „Domus“ und „Stile“ heraus und entwarf das Interieur für italienische Luxusliner wie die Andrea Doria. Die Kreation eines Weinetiketts war ihm so willkommen wie die eines Elektrizitätswerks. Seine bekanntesten Schöpfungen: Der Stuhl „Superleggera“, der von einem Kind gehoben und von einem Starkgewichtigen benutzt werden konnte, sowie das schmal aufragende Pirelli-Hochhaus an der Piazza Duca D’Aosta in Mailand.

Betörende Bilderfülle

Dem Lebenswerk des Universal-Architekten Gio Ponti kommt man nun so nahe, wie man ihm nur nahekommen kann: Der Taschen-Verlag legt einen Prachtband vor, der mit einer betörenden Bilderfülle ein Lebenswerk dokumentiert und den Kick der Kreativität feiert. Tochter Lisa Licitra Ponti (1922–2019) verweist in ihrem Buch-Beitrag auf eine Formensprache des Vaters, „die vom Transzendentalen und Ewigen der Kirchen, Kathedralen und Klöster“ bewegt sei. Und Ponti-Enkel Salvatore Licitra, selbst als Designer tätig, spricht von der „kargen Schönheit“ des vielfältigen Oeuvres.

Eine ausführliche Biografie steuert Stefano Casciani bei: „Spätestens seit Mitte der 1920er Jahre  gab es in der Entwicklung des italienischen Designs praktisch keine Initiative, kein Projekt, keine Kampagne, zu der Gio Ponti nicht in irgendeiner Form beigetragen hätte.“ Als verwunderlich führt er an, dass sich Ponti „dem aufkommenden Faschismus gegenüber eher zustimmend verhielt, wenn er ihn auch nicht aktiv unterstützte.“

Bis an die Grenze des Gleichgewichts

Intensiv würdigt Casciani die einzelnen Werkgruppen und Karriere-Stationen. Da spielt der Stuhl „Superleggera“ eine besondere Rolle. Denn an diesem Möbelstück, das man aufgrund seiner Leichtigkeit eher als Schwebeobjekt bezeichnen möchte, zeigt sich Pontis Bestreben, „seine Objekte durch Materialeinsparung und Verschlankung der Trägerkonstruktion bis an die Grenze ihres Gleichgewichts auszutarieren.“ Mit Beharrlichkeit arbeitete Ponti an diesem Objekt für die Firma Cassina, bis es endlich in Schwarz und Weiß vollendet war und – wie es heißt – zu einer Ikone des „Stile italiano“ wurde.

Die Villa Planchart in Caracas (Venezuela) baute Gio Ponti zwischen 1953 und 1957. Hier der Blick in das Speisezimmer. Zahlreiche der darin versammelten Objekte hat ebenfalls Gio Ponti entworfen. Foto: Taschen Verlag
Links im Bild: Arbeitsraum im Pirelli-Hochhaus mit dem markanten Gelb auf dem Laminat-Fußboden. Rechts fällt der Blick auf die nördliche Schmalseite des Gebäudes. Auf allen Etagen gibt es an beiden Ende einen solchen Aussichts-Balkon. Foto: Taschen Verlag

Diese Leichtigkeit zeichnet auch das Pirelli-Hochhaus aus. Es ist ausgestattet mit „Vorhangfassade“ und „Flugdach“ und kommt mit verblüffend wenigen Stützen auf den Büroflächen aus. Um die rund 1000 Personen unterzubringen, die in dem Gebäude tätig sein sollten, schuf Ponti große offene Räume und führte damit die amerikanische Idee des „open space“ in Italien ein. Mit einem besonderen Akzent: Zwar gab es eine hierarchische Differenzierung der Räume, doch beim Büromobiliar gab es keinen Unterschied zwischen Angestellten und Managern. So viel Demokratie sollte gewagt werden.

Das gelbste Gelb der Welt

„Das beständigste Element ist nicht Holz, nicht Stein, Stahl oder Glas“ sagte Gio Ponti. „Das beständigste Element in einem Bauwerk ist die Kunst. Lasst uns etwas sehr Schönes damit machen.“ Diese Kunst auf einen Nenner zu bringen, ist kaum möglich. Zu zahlreich sind die Objekte und die Phasen, die Formen und Farben – darunter das gleichsam gelbste Gelb der Welt, das „Giallo fantastico“. Gerade die Vielfalt aus Großem und Kleinem macht den Taschen-Band zu einer faszinierend abwechslungsreichen Zeitreise. Von Seite zu Seite geht es zu neuen Horizonten des Designs. Mit einem Wort: Fantastico.

Martin Oehlen

Karl Kolbitz (Hrsg.): „Gio Ponti“, englische Ausgabe mit ergänzendem Beiheft in Deutsch, Französisch und Italienisch, nummerierte Erstauflage, 572 Seiten, Taschen Verlag, 200 Euro.

Ein spezielles Angebot

Im Mai erscheint eine nummerierte Art Edition von 1000 Exemplaren, die begleitet wird von einer exklusiven Reproduktion des Arlecchino-Couchtisches im quadratischen Format sowie einem Set von vier nummerierten Ocean-Liner-Interior-Prints. Der Couchtisch mit farbenfroher Gitterstruktur wurde 1954 für Pontis Villa Planchart entworfen. Die vier Prints beruhen auf Zeichnungen von Ponti aus den Jahren 1948-49. Sie entstanden im Rahmen einer Ausschreibung für die Innenausstattung der Ozeandampfer Conte Grande und Conte Biancamano, die beide 1949 vom Stapel liefen. Preis der Art Edition aus Buch, Tisch und Prints: 3000 Euro.

Arlecchino-Gitter-Couchtisch Foto: Taschen Verlag

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