Lasst uns einfach wir selber sein: Bernardine Evaristos preisgekrönter Roman „Mädchen, Frau etc.“

Bernardine Evaristos Roman führt hinein in viele Waben in London. Foto: Bücheratlas

Amma zittern die Knie. Gleich wird ihr Drama „Die letzte Amazone von Dahomey“ am National Theatre in London Premiere haben, und alle, alle werden kommen. Ihre beiden Liebhaberinnen, mit denen sie gelegentlich das Bett teilt. Roland, dessen Samenspende sie die längst erwachsene Tochter Yazz verdankt. Die alten Weggefährten aus Revoluzzer-Zeit, die aus Prinzip „vom Rand aus rumstänkern“.  Doch was, wenn sie von der Kritik verrissen wird? Wenn sie nur „Ein-Stern-Bewertungen“ bekommt? Was, wenn sie zu alt, zu müde, zu hundsmiserabel schlecht ist für diesen Job?

Rund 400 Seiten später hat sich die Spannung gelöst, Amma, die schwarze Vorzeigelesbe der Londoner Theaterszene, hat es wieder einmal geschafft: „Die letzte Amazone von Dahomey“ ist ein Riesenerfolg, bejubelt von der Kritik, in Demut beklatscht von den weniger Erfolgreichen. Und wir, die Leserinnen und Leser von Bernardine Evaristos mitreißendem Roman „Mädchen, Frau etc.“, haben einiges erfahren über Yazz und Penelope, über Dominique, Hattie und all die anderen Frauen, deren Wege sich direkt oder indirekt einmal mit denen der berühmten Theatermacherin gekreuzt haben.

„Strotzend vor Energie und Humor“

2019 erhielt Bernardine Evaristo für „Girl, Woman, Other“, so der englische Originaltitel, den begehrten Booker Prize. Eine Sensation, denn die damals 60-Jährige war die erste schwarze Schriftstellerin, die jemals mit der höchsten literarischen Auszeichnung Großbritanniens geehrt wurde. Den sie sich übrigens mit der Kanadierin Margareth Atwood teilen musste. Jetzt ist dieses rundum aufregende und laut Jury „vor Energie und Humor strotzende“ Buch in deutscher Übersetzung erschienen. Es erzählt von zwölf schwarzen britischen Frauen zwischen 19 und 93 Jahren und ihren Bemühungen, ihren Platz zu finden im Leben. Frauen wie die Autorin selber, hineingeboren in eine von Weißen dominierte Welt, für die „coloured people“ allzu oft noch Menschen zweiter Klasse sind.

Bernardine Evaristo, 1959 als Tochter einer weißen Britin und eines Nigerianers in London geboren, hat in ihrem Roman viele eigene Erfahrungen verarbeitet, und so lebt „Mädchen, Frau etc.“ über weite Strecken von ihren witzigen, mitunter bitterbösen Alltagsbeobachtungen, die indes nicht die Tragik so mancher Frauenschicksale kaschieren können. Aufgewachsen ist sie in Woolrich, einem Arbeiterviertel im Südosten Londons, gemieden von den Nachbarn und vom örtlichen Pfarrer, der „nicht wirklich mit uns sprach“. Häufig seien Steine durch die Fenster geflogen, und der Vater habe bis an sein Lebensende mit einem Hammer unter dem Bett geschlafen, erinnert sie sich in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“.

Evaristo nennt es „Fusion Fiction“

Nach einem Schauspielstudium gründet sie eine Theatergruppe von schwarzen Frauen für schwarze Frauen und beginnt zu schreiben: Theaterstücke, Gedichte, Romane. „Mädchen, Frau etc.“ ist bereits Bernardine Evaristos achtes Buch, und es glänzt nicht nur durch Inhalt und Sprache, sondern auch durch eine eigenwillige Interpunktion und Satzanordnung, die, so die Autorin, es ihr ermöglicht hätten, „die Figuren wirklich zum Leben zu erwecken“. So verzichtet sie weitgehend auf Satzzeichen und ordnet die Sätze stellenweise an wie die Zeilen eines Gedichts: „Fusion Fiction“, wie sie sagt, eine „frei fließende Form des Schreibens“.

Auch Bernardine Evaristos Protagonistinnen werden in ihrer Kindheit und Jugend verlacht, verspottet und unter Druck gesetzt. Weiße Kinder rubbeln an ihrer dunklen Haut, um zu sehen, ob die Farbe echt ist, in der Schule übersehen die Lehrer ihren hochgereckten Zeigefinger. Die Eltern drängen sie zum Erfolg, „wenn wir es schon zu nichts gebracht haben“.  Und bürden ihnen damit als zusätzliche Last auf, „eine Botschafterin für alle schwarzen Menschen dieser Welt“ zu sein. Dennoch behaupten sich diese zwölf Frauen in einer „rassifizierenden“ Gesellschaft, auch wenn es manchmal hakt und ruckelt auf dem Weg in die Selbstbestimmtheit. Wenn schwarze wie weiße Jungs sich mit Gewalt nehmen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Wenn Ehen am Patriarchen-Gehabe der Männer scheitern und auch Frauen nicht immer die besseren Menschen sind. 

„Die Frauen sind da, wo sie sein wollen“

Sie habe keine Opfer schildern wollen, betont Bernardine Evaristo, sondern Frauen, die „da sind, wo sie sein wollen“. Da ist Bummi aus Nigeria, die in London einen Putzdienst aufzieht, obwohl sie in ihrer Heimat Mathematik studiert hat.  LaTisha, die dreifache Teenager-Mum, und Hattie, die Bauersfrau auf einem einsamen Hof in den Bergen. Sie alle scheren sich irgendwann nicht mehr darum, was andere Menschen von ihnen erwarten, und stehen selbstbewusst zu ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe und ihrer sexuellen Orientierung.

Mit bissigem Humor kanzelt die Autorin die Selbstgerechten dieser Welt ab, die glauben, anderen ihre eigene Gedankenwelt aufzwingen zu müssen, und macht auch vor der Engstirnigkeit radikaler Feministinnen nicht halt. Lasst uns einfach wir selber sein, so lautet ihre Botschaft. Gebt uns die Möglichkeit, „unsere Welt als vollwertige Menschen in Besitz zu nehmen“.  

Petra Pluwatsch

Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“, dt. von Tanja Handels, Tropen, 510 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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