Die Dämonen sind unter uns: Marcel Beyer stellt neuen Gedichtband beim Kölner Lyrikfestival „Satelliten“ vor

Das Orangerie-Theater an der Kölner Volksgartenstraße ist an zwei Tagen Stand- und Spielort des Lyrikfestivals „Satelliten“. Foto: Bücheratlas

Dämonen können sehr unterhaltsam sein. Gut, solange man von ihnen heimgesucht wird, ist ihre Anwesenheit kein Genuss. Aber sobald sie aus der Distanz betrachtet werden können, sieht die Sache anders aus. Diese Erfahrung bestätigt Marcel Beyer in seinem neuen Gedichtband „Dämonenräumdienst“ nachdrücklich – ein lyrisches Vergnügen. Die Neuerscheinung aus dem Suhrkamp-Verlag stellt er an diesem Freitag beim „Satelliten“-Lyrikfestival in Köln vor.  

Bürgerkrieg im Gesicht

Beyer unternimmt in diesen Gedichten einen Ritt durch Zeiten und Räume. Seine Ausflüge in die meist jüngere Kulturgeschichte führen zu Elvis, Moshammer und Pferdekrimis: „Ich lernte, noch in der friedlichsten / Idylle lebt ein Homöopath – ein / Homöopath, dem alles zuzutrauen ist.“ Manchmal scheint es, als triebe die populistische Gegenwart durch die Verse, wenn es um den „Bürgerkrieg in diesem Gesicht“ geht. Dann wiederum denkt man, dass mancher Vers für einen Refrain in einem Edel-Popsong taugte: „Schlaf ein, bleib wach, ruh aus.“

Vor allem aber geht es in diesem Band um die Dämonen der Dichter-Existenz: „(…) Ich zerstöre / noch ein Gedicht und mache / für heute Feierabend. Bis dann.“  Oder so: „(…) ich schreibe, ich schleife, ich / streife die Sprache (…)“

Steinhirsche und Scheinhirsche

Ja, die Sprache ist’s, die alles zusammenhält. Immerzu ist der Autor beziehungsweise das lyrische Ich auf der Jagd nach starken Vokabeln, nach Grützensauerstoff und Möhrenmampf, Baggerblut und Spermatransporten. Er/es wirft die Wörter in die Luft und schaut, welche am fettesten funkeln: Steinhirsche und Scheinhirsche, Glutnischen und Wutnischen. Bei alledem wechselt Beyer Tempi und Tonlagen, eilt im Trab wie im Galopp voran, geht die dämonische Sache mal melancholisch und mal satirisch an.

In die zweite, also spitzzüngige Abteilung gehört vieles. Auch das Gedicht „Coleridge, in Köhln“ (ja, mit einem h im Ortsnamen). Der englische Romantiker (der in dem Band – wie auch Hölderlin – mehr als einmal auftaucht) war mit feiner Nase unterwegs. Er soll bei einem Besuch in der rheinischen Stadt, „wo man, seitdem die Römer weg sind, nicht mehr lüftet“, 72 Miefe registriert haben, „jeder ausgeprägt, jeder ein unvergleichlicher Gestank.“ Doch noch bemerkenswerter scheint eine weitere kölsche Besonderheit zu sein: „(…) Man atmet Sprache, / hier in Köln, wo einer austrinkt, / was der andere gesprochen hat, wo // einer aufschlürft, was der andere / verspricht, wo man beim / Reden also immer an der Sprache / nippt (…)“

40 Verse – nicht mehr, nicht weniger

Allemal handelt es sich um Gedichte, die mit 40 Versen auskommen, jeweils dargereicht in zehn handlichen Strophen. Mit einer Ausnahme: „Die Bunkerkönigin“, gemünzt auf Fotografien von Boris Becker, wartet auf mit sechs Mal 40 Versen. Ob es ein Dämon war, der dem Lyriker dieses strenge 40-Verse-Korsett aufgezwängt hat? Wir glauben es nicht. Eher wirkt das strenge Maß wie eine willkommene Ordnung inmitten der dämonischen Wildnis.

„Satelliten“-Festival in Köln

Der Büchnerpreisträger des Jahres 2016 ist jetzt also einer der Gäste der dritten Ausgabe des Lyrikfestivals „Satelliten“, das an diesem Freitag und Samstag in der Kölner Orangerie in der Volksgartenstraße 25 stattfindet. Dabei handelt es sich um eine Veranstaltung des Literaturhaus Köln in Kooperation mit dem Elif Verlag und Christoph Dannes „Hello Poetry“. Ziel des Festivals ist es, in Lesungen und Koproduktionen „den Raum zwischen Poesie und Performance, Text und Tanz, Sprache und Klang“ zu erkunden.

Am heutigen Freitag geht es um 17.30 Uhr los im Garten der Orangerie mit Thorsten Krämer. Anschließend treten Anja Utler um 18 Uhr und Marcel Beyer um 18.30 Uhr auf. Um 20 Uhr schlägt dann im Saal die Stunde der interdisziplinären Korrespondenzen. Einiges ist schon ausgebucht, auch wegen der reduzierten Corona-Kapazitäten. Aber es wird in den Garten gefunkt und gestreamt, was sich im Innenraum ereignet. Am Samstag starten die Garten-Lesungen bereits um 16.30 Uhr. Alle Termine finden sich auf der Website des Literaturhaus Köln.

Martin Oehlen

Marcel Beyer: „Dämonenräumdienst“, Suhrkamp, 174 Seiten, 23 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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