Als der Erste Weltkrieg wütete: „Schatten der Welt“ von Andreas Izquierdo

Zeit und Zeichen in Riga Foto: Bücheratlas

Thorn in Westpreußen im Jahr 1910. Hier scheint das Leben stehengeblieben zu sein, erst recht, wenn man der Sohn eines verwitweten jüdischen Schneiders ist. Der 13-jährige Carl lebt mit seinem Vater in einer Hinterhofwerkstatt. Kaum reicht der karge Lohn zum Leben, den der alte Friedländer für seine Schneiderkünste bekommt.

Der Schneider lebt ohnehin mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. „Weißt du, wie viele Stiche ich früher geschafft habe?“, fragt er den Sohn bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und schwärmt: „Ich war der beste Schneider von Riga. Gleich am Domplatz hatte ich meine Schneiderei: Friedländer. Alle sind zu mir gekommen. Deutsche, Russen, Letten, Juden, Christen. Alle sind sie zum Friedländer.“

Das ist lange her. Heute näht er in Thorn Beerdigungsanzüge, und zum Abendessen gibt es jeden Tag Kartoffeln. „Kartoffeln mit Sauerrahm, Kartoffeln ohne Sauerrahm, Bratkartoffeln mit und ohne Zwiebeln, Bouillonkartoffeln, Kartoffelpüree, Kartoffelpuffer, Kartoffeln mit Essiggurken und am Schabbes Kartoffeln mit Fisch.“     

Eindringlich schildert Andreas Izquierdo in seinem opulenten Historienroman „Schatten der Welt“ die Lebensverhältnisse im Westpreußen der Vorkriegsjahre. Zum Geburtstag des Kaisers donnern im Kasernenhof von Thorn die Haubitzen, während der Bürgermeister ein Loblied auf Ihre Majestät singt. Auf den Ländereien der Großgrundbesitzer schuften Tagelöhner zehn, zwölf Stunden am Tag für einen Hungerlohn.

Auch Carl und sein Vater werden eines Tages auf das Gut der Familie Boysen bestellt. Sie, die jeden Abend gemeinsam musizieren, sollen während eines Festes aufspielen, erst in den Morgenstunden endet ihr Engagement. „Vaters vorsichtiger Hinweis, dass noch ein Lohn ausstehe, konterte Boysen mit einer knappen, wegwerfenden Bewegung: Er solle gefälligst nächste Woche kommen. Er, der Hausherr, sei müde, und Vater solle seine jüdische Gier nach dem Geld zügeln.“

Es gibt nur wenige in Thorn, die aufbegehren gegen die herrschenden Verhältnisse. Einer davon ist Carls Freund Arthur, ein Klotz von Mensch schon mit 14 Jahren. Auch er stammt aus ärmlichen Verhältnissen, und sein Lebensziel ist es, einmal ein reicher Mann zu sein. Dafür scheint ihm keine Idee zu abwegig. Gemeinsam drehen die beiden Freunde den Bewohnern von Thorn „Halleysche Gasmasken“ an, „die neueste Erfindung der berühmten Charité“. Beteiligt an dem gewagten Unternehmen: die Lehrertochter Isi, eine Rebellin auch sie, deren Einsatz für die Rechte der Frauen sie wenige Jahre später ins Gefängnis bringen wird.

„Schatten der Welt“ ist nicht nur ein gut recherchierter Historienroman – er ist auch die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die selbst die Stürme des Ersten Weltkriegs übersteht.  Intensiv schildert Izquierdo die Schrecken eines vier Jahre währenden Gemetzels, das in Europa Millionen Menschen das Leben kostet. Auch Carl und sein Freund werden „ins Feld“ berufen. Arthur als Soldat, der selbst dort die Willkür der Gutsbesitzerfamilie Boysen zu spüren bekommt, Carl als naiver Kriegsfotograf, der mit seinen Filmen und Fotos von heroischen deutschen Soldaten zur Verherrlichung eines grausamen und längst verlorenen Krieges beiträgt.

Izquierdo beschreibt eine Welt, die schon lange vor Beginn des Ersten Weltkriegs zum Untergang verurteilt ist. Seine Protagonisten Carl, Arthur und Isi sind die Vorboten einer neuen Zeit, die die Zwänge und das Gedankengut des 19. Jahrhunderts abstreifen wie eine lästige, zu eng gewordene Haut. Es gibt viele berührende Szenen in diesem Buch, andere, die vielleicht ein wenig plakativ geraten sind. Den Gesamteindruck schmälern sie nicht: ein gutes und lesenswertes Buch.

Petra Pluwatsch

Andreas Izquierdo: „Schatten der Welt“, DuMont, 540 Seiten, 16 Euro. E-Book:  12 Euro. 

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