Max Annas legt nach: Sein neuer DDR-Krimi handelt vom Mord an einem Punker

Einsicht in die Akten: Detail des Buchcovers aus dem Rowohlt-Verlag.

Die Morduntersuchungskommission in Jena hat einen neuen Fall. Ein Punker wird tot aufgefunden, die Kleidung bemalt und zerrissen, die Haare auf eine Weise frisiert, die in der DDR des Jahres 1985 nicht üblich ist. „Destruktive Elemente“ und „total negativ“ nennt Ermittler Rolf Menschen wie Melchior Nikoleit, die sich so gar nicht an die Regeln des Arbeiter- und Bauernstaates halten.  

Max Annas – der am Sonntag für den ersten Band seiner Reihe „Morduntersuchungskommission“ mit dem Kölner Krimipreis, dem „Crime Cologne Award 2020“ ausgezeichnet worden ist – taucht im zweiten Band tief ein in die Subkultur einer frustrierten und enttäuschten Jugend. Sie wehrt sich mit bescheidenen Mitteln gegen die Regelkonformität ihrer Eltern. Melchior, seine Freundin Julia, Biber und Sohle haben sich die Schläfen rasiert und eine Band gegründet. Nachts brechen sie in alte Häuser und Fabriken ein, denn „das ist Freiheit, das ist Punk“. Bei diesen Aktionen, sagt Julia, fühle sie sich endlich lebendig.

Wie schon im soeben ausgezeichneten Vorgängerband „Der Fall Teo Macamo“ erweist sich Annas in „Der Fall Melchior Nikoleit“ als hervorragender Kenner des DDR-Alltags. Fast meint man den Mief der Trabbis zu riechen, wenn sein Protagonist Oberstleutnant Otto Castorp müde durch die Gegend zuckelt und eher lustlos versucht, diesen unappetitlichen Fall zu lösen. Schnell gerät der schlagkräftige Vater des Opfers ins Visier der Ermittler, doch der hat ein Alibi, das wasserdicht zu sein scheint.

Annas erzählt die Geschichte aus mehreren Perspektiven und gewährt auf diese Weise Einblick in eine Vielzahl von Lebenswirklichkeiten in der Endphase der DDR. Überzeugend schildert er die Nöte der Jugendlichen, deren Ausflug in die vermeintliche Freiheit des Punkerdaseins für einen von ihnen tödlich endet. Auch Otto Castorp gehört zu jenen, denen das Regime längst die Flügel gestutzt hat. Resigniert tappt er durch ein graues Leben, und nur noch wenig ist übriggeblieben von dem scharfen Hund, der allen Widerständen zum Trotz nach der Wahrheit sucht. Ein lesenswerter Krimi mit Tiefgang aus einer Zeit, die – zumindest im Westen – zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht.

Petra Pluwatsch

Einen Bericht über die Preisverleihung zum „Crime Cologne Award 2020“ lesen Sie HIER .

Eine Rezension des ersten Bandes aus der Reihe „Morduntersuchungskommission“ lesen Sie HIER .

Max Annas: „Morduntersuchungskommission – Der Fall Melchior Nikoleit“, Rowohlt, 334 Seiten, 20 Euro. E-Book: 14,99 Euro. 

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