„So etwas macht doch in der DDR keiner“: Max Annas über einen Mordfall, der nicht sein darf

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Grenzpfahl der DDR Foto: Bücheratlas

Oktober 1983: Ein junger Schwarzer wird tot an einer Bahnstrecke in der Nähe von Jena aufgefunden. Teo Macamos Hände sind zerschunden, der Schädel weist schwere Verletzungen auf.  Keine Frage, der afrikanische „Fremdarbeiter“ ist eines grausamen Todes gestorben. Doch wer in der Deutschen Demokratischen Republik ist zu einer solchen Tat fähig? „So etwas macht doch in der DDR keiner“, sagt Rolf von der Morduntersuchungskommission in Gera und spricht seinen Kollegen damit aus der Seele. Denn „wenn wirklich einmal etwas passiert in der DDR, dann ist das die absolute Ausnahme“.

Schon wenige Tage später werden die Untersuchungen abgeschlossen, ohne dass der oder die Täter gefunden werden konnten. Allein Oberleutnant Otto Castorp ermittelt auf eigene Faust weiter. Der Tod des Mosambikaners lässt ihm keine Ruhe, und was er herausfindet, passt so gar nicht zu dem Bild, das er bislang von seiner Heimat DDR hatte.

„Morduntersuchung“ von Max Annas ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte aus der Endphase der DDR. Noch denkt niemand an die Möglichkeit einer Maueröffnung. Der Westen ist der Feind, vor dem man sich keine Blöße geben will. Was nicht in das eigene Weltbild passt, wird vertuscht auf Teufel komm raus.

Auch Otto Castorp fühlt sich seinem Staat verpflichtet, doch er zieht aus diesem Verbundenheitsgefühl andere Schlüsse als die Kollegen: „Im Unterschied zum Westen haben wir hier den Anspruch, alle Mordfälle aufzuklären.“ Ein „Versprechen an die Leute“ sei das, erklärt er seinem Vater, der die Dinge etwas anders sieht. „Und deshalb will ich, dass die, die das getan haben, zur Rechenschaft gezogen werden.“ Ein hehrer Anspruch, der an der politischen Wirklichkeit der DDR scheitert.

Annas schildert ein Land, das kaum Raum lässt für eigenes Denken. Das tut er wohltuend unaufgeregt. Ein kluges, gut erzähltes Buch mit einem Protagonisten, der selber schuldig wird, um die Schuld eines anderes zu sühnen.

Petra Pluwatsch

Max Annas: „Morduntersuchungskommission“, Rowohlt, 352 Seiten, 20 Euro. E-Book 14,99 Euro.

Annas

 

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