Verschollen in den Gorges du Verdon: Michael Wildenhains bestens kalkulierter Roman „Die Erfindung der Null“

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Vorsicht, wenn das Wasser steigt! Blick in die Gorges du Verdon in Südfrankreich, wo sich die Spur von Susanne Melforsch verliert. Foto: Bücheratlas

„Das denkt sich keiner aus.“ heißt es gegen Ende des Romans „Die Erfindung der Null“. Von wegen! So etwas denkt sich Michael Wildenhain aus. Der Romancier entfacht ein fulminantes Gestöber aus Finten und Fährten, Philosophie und Naturwissenschaft, Kriminalroman und Familiendrama.

Im Vordergrund steht die Frage: Hat Dr. Martin Gödeler seine Geliebte Susanne Melforsch in den Gorges du Verdon in Südfrankreich umgebracht? Ein junger Staatsanwalt ist in Stuttgart emsig bemüht, den Nachweis zu erbringen – bis er eines Tages seinen Arbeitsplatz Hals über Kopf verlässt. Fortan befasst er sich nur noch privat mit den Unterlagen, die der Verdächtige ihm freigiebig zukommen lässt. Wie raunt es in diesen Fällen so vertraut: Die Vergangenheit holt sie alle ein.

Dr. Gödeler, die Frauen und die Zahlen

Gödeler ist kein Held, der einem ans Herz wächst. Dafür mangelt es ihm an Verbindlichkeit, Empathie, Sensibilität. Auch neigt er zu gelegentlicher Verwahrlosung. Allerdings ist sein Psychofall ein spannender. Zwei Leidenschaften hat er: Frauen und Zahlen. Auf beiden Feldern kommt er recht weit voran. Mit Gunde ist er verheiratet und hat mir ihr die Tochter Sophia. In Lu findet er eine Partnerin, die ihm nicht nur als Wissenschaftlerin mindestens ebenbürtig ist, sondern ihm auch einige neue Winkel der Wollust erschließt. Susanne schließlich ist die Frau, die ihn einerseits stalkt und mit der er andererseits in Urlaub fährt. Und die dann abhanden kommt.

Aber auch in der Mathematik macht Gödeler – dessen Name eine Referenz an Kurt Gödel sein dürfte – einiges los. Nur die Habilitationsschrift, von der viel erwartet wird, hat er nicht abgeschlossen. Das ist ein Aspekt, der eine eigene Dynamik entwickeln wird. Überhaupt ist dieser Roman voll der Kreuz- und Querverbindungen. Ist das zuviel des Guten? Nein. Denn jedes Teilchen, das im Laufe der Erzählung erwähnt wird, findet seinen Platz in diesem XXL-Puzzle.

Mal Odyssee, mal Tsunami

Auch die literar-historischen Bezüge sind kein Ballast, sondern werden scheinbar leichthändig integriert. Sie reichen von Homers „Odyssee“ über das mittelalterliche Epos von Hadubrand, der seinen Vater Hildebrand nicht erkennt, und dem Aufstand im Warschauer Ghetto bis zu der Tsunami-Katastrophe in Thailand und dem Anschlag auf die Berliner Siegessäule im Jahre 1991.

Erzählt wird aus mehreren Perspektiven und Tonlagen – von mathematisch kühl bis fixerszenisch vernuschelt. Zudem ist der Text von vielen Motiven durchwirkt. Eines der auffälligsten ist die Farbe Rot. Sie taucht auf als bordeauxrot, rostrot, ausgebranntes Rot, graurot oder nur rot und dann auch noch in einem für die Entwicklung des Falles wichtigen Nachnamen. Dass überdies Decknamen eine Rolle spielen und der Vorname Nitram rückwärts gelesen werden könnte, ist nur ein Grund, warum sich eine konzentrierte Lektüre empfiehlt. Der gibt man sich gerne hin. Denn das ist eine Geschichte über das Verschwinden, von deren Rätseln man nicht lassen mag.

Dass der Autor – der selbst unter anderem Mathematik und Philosophie studiert hat – uns dann auch noch die Schönheit der Zahlen andeutet, ist ein feiner Nebenaspekt. Woran wir erinnert werden: Die Mathematik kennt nur eindeutige Antworten. Das ist erfrischend. Doch mit Addition und Substraktion kommt man nicht weit, wenn es ums Leben geht. Das weiß am Ende, nehmen wir an, auch Dr. Martin Gödeler.

Martin Oehlen

Michael Wildenhain: „Die Erfindung der Null“, Klett-Cotta, 300 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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