Peter Handke ist sauer: „Jetzt hör auf, diesen Scheißdreck zu referieren“ – Malte Herwigs erweiterte Biografie des Nobelpreisträgers

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Die Brasserie Lipp in Paris Foto: Bücheratlas

Malte Herwig legt nach. Das ist richtig so. Vor zehn Jahren schloss er seine süffige Biografie über Peter Handke ab: „Meister der Dämmerung“. Seitdem ist einiges passiert. Vor allem: 2019 hat der Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhalten. Die Entscheidung kam nicht nur überraschend, sondern war für nicht wenige ein Ärgernis. So unstrittig Handke eine literarische Größe ist, so unverständlich sind seine politischen Worte und Taten in Zusammenhang mit den Jugoslawienkriegen.

Herwig, der den „full man“ zeigen will, steht mit dem Dichter auf vertrautem Fuß.  Dem Biografen werden Hausbesuche gewährt. Auch speisen die Herren gemeinsam in der Brasserie Lipp, in der Bar Select oder in der Brasserie Rotonde in Paris. Gleichwohl bewahrt sich Herwig bei aller Zuneigung eine gewisse Distanz. Handke sei ein unbestreitbarer Meister der Sprache, schreibt er, aber „ein Lehrling in der Politik“. Das hat sich nicht zuletzt im Umgang mit Slobodan Milosevic oder dem Massaker von Srebrenica gezeigt.

In der erweiterten Fassung der Biografie gibt es neue Beispiele für die Empfindsamkeit des Künstlers und den angeblich vom Großvater geerbten Jähzorn. Der Biograf selbst bleibt von solchen Wutausbrüchen nicht verschont. Als er Handke auf die Kritik an seiner Wahl zum Nobelpreisträger anspricht, schimpft er: „Jetzt hör auf, diesen Scheißdreck zu referieren.“

Er will sich nicht verteidigen müssen. Das sei auch der Grund dafür gewesen, schreibt Herwig, dass Handke kurz nach der Bekanntgabe der Nobel-Ehrung in seiner Heimatstadt Griffen der Presse die heiße Stirn bot, als diese seine Serbien-Position erkunden wollte: „Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, und lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“

Eine Herwig-Beobachtung aus jüngster Zeit: Sechs Wildschweinzähne und der Flügel eines Wanderfalken, Fundsachen von ausgedehnten Spaziergängen, hat Handke an seiner Haustüre in Frankreich fixiert. Wehrt man so Dämonen ab?

Handke könne in der Begegnung von Mensch zu Mensch mitfühlend sein, erfahren wir. „Die Öffentlichkeit aber bekommt die sanfte Seite des schroffen Dichters nie zu sehen.“ Leichtigkeit sei für ihn nur schwer zu haben.  Gleichwohl könnte der Schriftsteller mit der Achtsamkeit, die er in seinen Texten demonstriere, nicht aktueller sein. Handke weise in seinem Werk den Weg: „Geht. Schaut. Lest.“

Martin Oehlen

Malte Herwig: „Meister der Dämmerung – Peter Handke“, Pantheon, aktualisierte und erweiterte Ausgabe, 408 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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