Kent Harufs wunderbar wehmütige Feier des Lebens: „Kostbare Tage“

Haruf3

Nordamerikanische Naturbühne  Foto: Bücheratlas

Dad Lewis wird bald sterben. Einen Monat geben die Ärzte ihm. „Noch ehe der Sommer vorbei wäre, wäre er tot. Anfang September würde man draußen auf dem Friedhof, drei Meilen östlich von der Stadt, Erde über ihn schütten, auf das, was von ihm übrig war. Man würde seinen Namen auf einen Grabstein meißeln, und dann wäre es so, als hätte es ihn nie gegeben.“

Ein Monat Zeit, um Abschied zu nehmen von einem Leben in Holt, Colorado. Abschied von Mary, der Frau, mit der Dad Lewis seit mehr als 60 Jahren verheiratet ist und die jede Nacht bis zu seinem Tod neben ihm in dem weichen, alten Ehebett liegen wird. Von Lorraine, der Tochter, die das Eisenwarengeschäft in der Main Street übernehmen soll. Abschied auch von einem Sohn, mit dem Dad sich vor vielen Jahren überworfen hat und der ihn nur noch in seinen Träumen besucht.

Was für ein Segen!

Wehmut und Trauer durchziehen dieses wunderbare Buch von Kent Haruf, der 2014, ein Jahr nach dessen Erscheinen, verstarb. „Kostbare Tage“ heißt es in der jetzt erschienenen deutschen Übersetzung, „Benediction“ – „Segen“ in der Originalfassung, und es fällt schwer zu sagen, welcher Titel der zutreffendere ist.

Nur sechs schmale Romane hat der Pfarrerssohn und High-School-Lehrer aus Pueblo, Colorado, innerhalb von knapp 30 Jahren geschrieben. „Kostbare Tage“ ist sein vorletztes Buch, und es mag sein, dass Haruf darin seine eigenen Erfahrungen mit Krankheit und nahendem Tod verarbeitet hat. Der literarische Durchbruch indes gelang ihm erst mit seinem sechsten, posthum erschienenen Roman „Unsere Seelen bei Nacht“. Was das Werk über ein betagtes Paar, das gegen alle kleinbürgerlichen Konventionen seine späte Liebe auslebt, nicht zuletzt einer gelungenen Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verdankt.

Die ganze Welt in Holt, Colorado

Der Schauplatz in Harufs Romanen ist immer der gleiche, und er umfasst kaum mehr als ein paar Straßenzüge in der fiktiven Kleinstadt Holt. Das Örtchen, eingebettet zwischen „Felder mit glänzenden Maisstoppeln und hüfthohen Reihen von leuchtend grünem Mais“, liegt irgendwo in den Weiten Colorados, dort, wo der Himmel blank und blau ist und man bis zum Horizont schauen kann. „Nach Osten und Süden hin gab es noch mehr Hügel, weit im Norden die Stadt mit den weißen Getreidesilos, die sich über der grünen Masse der Bäume erhoben, und ansonsten sah man nur flaches, weites Land.“

Und dennoch bedeutet Holt für Harufs Protagonisten die ganze Welt. „Die Theke und dieser kleine Handel zwischen zwei Kunden und mir an einem Sommermorgen. Ein kleines Schwätzchen“, das sei sein Leben gewesen, sagt Dad Lewis, als er sich nur wenige Tage vor seinem Tod ein letztes Mal durch Holt fahren lässt. „Es war alles.“ Eine Decke über den mageren Beinen, zieht er Bilanz. Wo hat er versagt, welche Menschen hat er verletzt? An wem ist er schuldig geworden?

Doch Harufs Roman ist weit mehr als der Abgesang auf einen sterbenden alten Mann. Es ist auch eine Feier des Lebens. Da ist das Nachbarmädchen Alice, ein mageres kleines Ding, das bei der Großmutter aufwächst. Wunderbar die Szene, als Alice an einem heißen Sommertag mit drei Frauen in eine eiskalte Viehtränke steigt und zum ersten Mal die tragende Kraft des Wassers erfährt. „Als sie zu sinken begann, hoben sie sie etwas an, und nach einer Weile konnte sie selbst oben bleiben, sie zogen sich zurück, und Alice lag halb untergetaucht auf dem Wasser, die blauen Augen offen zum klaren Himmel gerichtet.“

All die starken Frauen

Überhaupt die Frauen in diesem Buch! Mary Lewis, die in der Großstadt vergebens nach dem verlorenen Sohn sucht, damit Dad ihn vor seinem Tod noch einmal sehen kann. Alene Wilson, die einst einen verheirateten Mann liebte und tapfer ertrug, dass sie in Holt ein halbes Leben lang als Flittchen galt. Ihre Mutter Willa, die dem Gemeindevorstand die Meinung geigt, als der den allzu liberal denkenden Pfarrer entlassen will. Und von einem tumben Vorsitzenden am Arm gepackt und hinauskomplimentiert wird.

Es sind Szenen wie diese, kleine Vignetten des Lebens, die Harufs Roman so liebens- und lesenswert machen. Umso bedauerlicher, dass dieser großartige Chronist des amerikanischen Alltagslebens nur sechs Bücher geschrieben hat. Ein Dank gebührt dem Diogenes-Verlag, der Harufs Werk nach und nach ins Deutsche übersetzt.

Petra Pluwatsch

Kent Haruf: „Kostbare Tage“, dt. von pociao und Roberto de Hollanda, Diogenes, 346 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

Haruf1

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s