Psychoanalytikerin Hirigoyen über „die toxische Macht der Narzissten“ und Trumps „infantile Allmachtsfantasien“

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Spiegel zuhauf für diejenigen, die sich nicht oft genug spiegeln können. Und am Kopf der Seite das Startbild vom Twitter-Account des White House (Stand: Juli 2020).  Foto und Screenshot: Bücheratlas

Narzissten? Sind wir doch alle. Irgendwie. Kleine Ego-Shooter, die ihre Fotos ins Netz stellen und den Rest der Welt an jedem popeligen Sonnenuntergang teilhaben lassen, den wir wo auch immer gesehen haben. Was aber, wenn aus dem Ego-Shooter ein krankhafter Narzisst wird? Einer wie US-Präsident Donald Trump, der sich selber für Gottes Geschenk an die Menschheit hält? Der weder Scham noch Empathie kennt? Dessen Allmachtsfantasien nicht nur ihn selber, sondern auch andere in Gefahr bringen? Dann sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen, schreibt die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen in ihrem Buch „Die toxische Macht der Narzissten“. Denn: „In einer von Narzissten geführten Welt kann man nur beunruhigt sein.“

Mehr als 250 Seiten widmet die Autorin dem brisanten Thema, angefangen mit der Frage: Was ist eigentlich Narzissmus? Eine gut bemessene Dosis davon schadet niemandem von uns. Schließlich sorgt ein gesundes Selbstbewusstsein und die Überzeugung, die Dinge im Griff zu haben, dafür, dass wir aufrecht und erfolgreich durchs Leben gehen. „Er ermöglicht es einer Person, ein hinreichend solides Selbstwertgefühl zu entwickeln, um an die eigenen Begabungen zu glauben, sich vorzuwagen und zu handeln, ohne dabei allein auf den Blick eines anderen angewiesen zu sein.“

Indes: Die neoliberale Gesellschaft, ausgerichtet auf die Individualisierung des einzelnen, produziere mehr Narzissten, als ihr gut tue. „Und einige unter ihnen werden zu pathologischen Narzissten, die dem Größenwahn verfallen.“ Keine Frage, dass da an erster Stelle Donald Trump genannt wird, der Mann, der sich die Welt schönredet und jeden feuert, der es wagt, die Dinge etwas differenzierter zu sehen.

Überzeugend schildert die Autorin die Entwicklung Trumps vom gekränkten kleinen Jungen zum „grandiosen Narzissten“. Seine Lügen und seine Arrangements der Wirklichkeit, so Hirigoyen, verfolgten schlicht und ergreifend das Ziel, sein Gesicht zu wahren, um ständig der Beste und Größte zu bleiben. „Ob etwas Wahrheit oder Lüge ist, bedeutet ihm wenig, denn in seinen infantilen Allmachtsfantasien akzeptiert er die Realität nicht.“

Doch es gibt auch weniger gefährliche Narzissten. Sie sitzen in Chefetagen, in Politikerbüros und liegen, wenn man Pech hat, neben einem im Bett. Wie man sich vor diesen Menschen schützt, wie man sie durchschaut und auf Abstand hält – auch das verrät diese wissenschaftlich fundierte und allgemein verständliche Abhandlung über ein Thema, das wichtiger ist denn je.

Petra Pluwatsch

Marie-France Hirigoyen: „Die toxische Macht der Narzissten“, dt von Thomas Schultz, C.H. Beck, 254 Seiten, 16,95 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

Hirigoyen

 

 

 

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