Manifest einer selbstbewussten Frau: Elizabeth Gilberts rasanter New-York-Roman „City of Girls“

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An Orten wie diesen hätte sich Vivian in den 40er Jahren willkommen gefühlt. Foto: Bücheratlas

Sommer 1940. In Europa hat der Westfeldzug begonnen, London duckt sich unter den ersten Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe. Vivian Morris bekommt von all dem nichts mit. Europa ist weit weg, und die amerikanische Provinznudel hört den „Puls der Geschichte“ ohnehin nicht einmal dann, „wenn er mir direkt in den verdammten Ohren pocht“. Sie ist gerade vom College geflogen – zu viele Drinks, zu viele Zigaretten. Die ersten beiden Juniwochen nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus verbringt sie damit, „wieder und wieder einen Tennisball gegen unsere Garagenwand zu pfeffern und dabei ‘Little brown Jug‘ zu pfeifen, bis meine Eltern es schließlich leid waren und mich zu meiner Tante in die Stadt verfrachteten“.

Tante Peg, trinkfreudig und herzensgut, leitet in New York gemeinsam mit ihrer Freundin Olive das „Lily Playhouse“, ein heruntergekommenes Tingeltangel-Theater, das seine besten Jahre hinter sich hat. Gemeinsam haust die Theatertruppe in der nikotingelben Bruchbude. Auch Vivian wird hier untergebracht. Und taucht in diesem Sommer 1940, als sie „neunzehn Jahre alt und ein Dummkopf war“, tief hinein in den Sündenpfuhl New York. Sex, Jazz und Cocktails sind ihre Drogen, und so mutiert das Landei in den selbstgenähten buttergelben Sommerkleidchen in Windeseile zu einer allzeit bereiten Femme Fatale, die keinem Ärger aus dem Weg geht.

Hinreißend komisch schildert die Ich-Erzählerin in Elizabeth Gilberts neuem Roman „City Of Girls“ ihre nächtlichen Erlebnisse mit Gangstern, Gigolos und kreuzbiederen Bürohengsten, auf die sie sich für ein paar Drinks und eine Fummelei im Auto einlässt. Stets an ihrer Seite: das Revuegirl Celia, eine Freundin auf Zeit, lebenshungrig wie sie selbst. „Ich glaube, vor allem motivierte uns unsere Angst vor Langeweile. Jeder Tag hatte hundert Stunden, und die galt es zu füllen, damit wir nicht vor lauter Überdruss vergingen.“

Bestsellerautorin Elizabeth Gilbert, bekannt geworden mit ihrem Roman „Eat Pray Love“, gelingt es meisterhaft, die hitzige Atmosphäre jenes Sommers einzufangen. Doch irgendwann ist auch für Vivian der Spaß zu Ende. Nach einem Skandal, der es bis in die New Yorker Zeitungen schafft, kehrt sie zurück in die Provinz. Um bald darauf aufs Neue aufzubrechen nach New York, in die Stadt ihres Lebens, die sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlassen wird.

90 Jahre alt ist Vivian am Ende dieses modernen Entwicklungsromans, der nichts anderes ist als eine gewaltige, prallvolle Lebensbeichte, geschrieben für die Tochter des einzigen Mannes, den sie je geliebt hat. Frank Grecco ist ein Weltkriegsveteran, schwere Verbrennungen zeichnen seinen Körper, ein Kriegstrauma belastet seine Seele. Jahrelang wandert Vivien mit ihm durch das nächtliche New York, ohne mehr zu berühren als seine Hand. Aus dem „freigeistigen, zügellosen Genussmenschen, der das Streben nach sexuellen Vergnügungen zu einer Leitlinie seines Lebens gemacht hatte“, wird eine Frau, die zu Liebe und Freundschaft fähig ist.

„City Of Girls“ ist ein rasanter, wunderbar erzählter Parforceritt durch die erste Hälfte unseres Jahrhunderts. Und: Es ist das Manifest einer selbstbewussten, emanzipierten Frau, die auf Konventionen pfeift und sich nimmt, was sie will. Selbstkritisch blickt die alte Vivian am Ende des Romans auf die Eskapaden ihren jüngeren Ichs zurück. Damals sei sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit und dem Tiefpunkt ihrer Klugheit gewesen. Was sie gelernt habe in einem langen, selbstbestimmten Leben? „Die Welt folgt keinem Plan. Menschen passieren Dinge – Dinge, die sie nicht kontrollieren können.“ Vivian Morris weiß, wovon sie redet.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Elizabeth Gilbert: „City Of Girls“, dt. von Britt Somann-Jung, S. Fischer, 492 Seiten, 16,99 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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