„Ich bin Dynamit“: Friedrich Nietzsches Leben fesselnd erzählt von Sue Prideaux

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In diesem Haus im schweizerischen Sils Maria hatte sich Nietzsche mehrmals in einem Zimmer   im Obergeschoss eingemietet. In einem Gedicht verweist er auf die stimulierende Atmosphäre der grandiosen Landschaft rund um den Silvaplaner See: „Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts, / Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts / Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, / Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. // Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei – / – Und Zaratustra ging an mir vorbei.“ Foto: Bücheratlas

Langeweile? Das muss doch nicht sein. Friedrich Nietzsche fragt in „Jenseits von Gut und Böse“ rhetorisch zurück: „Ist das Leben nicht hundert Mal zu kurz, sich in ihm zu langweilen?“ Alles andere als langweilig, jetzt kriegen wir hier die Kurve, ist die Biografie, die Sue Prideaux vorlegt: „Ich bin Dynamit“. Worum es darin geht? Genau: „Das Leben des Friedrich Nietzsche“.

Die norwegisch-britische Autorin, zuvor schon hervorgetreten mit Biografien zu Edvard Munch und August Strindberg, erzählt kurzweilig das intensive Leben und das himmelsstürmende Denken des Friedrich Nietzsche (1844 – 1900). Wenn es gar zu kraus wird im Leben des Philosophen, meint man ein Lächeln der Biografin zwischen den Zeilen zu entdecken. Ihre Neigung, mit Kuriosa nicht zu geizen, ist erfrischend – zumal wenn Nietzsche bei Richard und Cosima Wagner zu Gast ist, kommt da einiges zusammen. Unser Bild am Kopf der Seite zeigt das Haus Wahnfried, das ehemalige Domizil der Wagners in Bayreuth.

Es ist ein weites Panorama: Wir ziehen mit Nietzsche durch sein „Arkadien“ im schweizerischen Sils Maria, wo er zentrale Werke konzipierte oder diese zur Gänze  niederschrieb, und wir begleiten ihn in die tiefe Nacht seiner Nervenkrankheit. Geradezu dramatisch die Schilderung, als ihn sein Freund Franz Overbeck 1889 in völliger Verwirrung, in einem „fürchterlichen Moment“, in Turin antrifft. Zwischendrin ist vom tumultuösen Bordell-Besuch in Köln die Rede oder von der Kolonie-Gründung seiner Schwester Elisabeth, dieser „antisemitische(n) Gans“, in Paraguay, dem „Lamaland“.

In die Biografie ist die Präsentation der Werke geschmeidig integriert. Dabei legt Prideaux Wert auf den Nachweis, dass die Nazis zu Unrecht diesen Philosophen für sich reklamieren wollten. Hitler habe ihn sowie nicht gelesen. Und sie zitiert Nietzsches Sorge, „was für Unberechtigte und gänzlich Ungeeignete sich einmal auf meine Autorität berufen werden.“ Aber dies sei, so der an Eitelkeit nicht darbende Nietzsche, „die Qual jedes großen Lehrers der Menschheit“.

Nietzsche ist weiterhin aktuell, meint Prideaux. Er konfrontiere uns mit der Frage, was es bedeute, ein menschliches Wesen ohne eine übergeordnete metaphysische Bestimmung zu sein. Einige Antworten schlussfolgert die Autorin aus dem Werk. Das Ideal sei der in sich ruhende Mensch, „der sich seiner irdischen Bestimmung erfreut, in der schieren Großartigkeit der Existenz, der sich zufrieden gibt mit seiner Endlichkeit, die sich aus der Sterblichkeit ergibt.“

Der Band endet mit einer Sammlung von Friedrich Nietzsches Aphorismen. In ihnen erkennen sich die Menschen, schreibt Prideaux, seit 100 Jahren wieder. Ab und an allerdings widersprächen diese Aphorismen einander. Auch könnten sie mal so und mal so ausgelegt werden – „darin Bob Dylans Songtexten nicht unähnlich.“ Prideaux nimmt es Nietzsche nicht krumm. Er habe halt die Provokation geliebt und sich selber als Philosoph des Vielleicht bezeichnet. Also sprach Nietzsche: „Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der ‚Ewigkeit‘; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andere in einem Buche sagt – was jeder andere in einem Buch nicht sagt.“

Martin Oehlen

Sue Prideaux: „Ich bin Dynamit – Das Leben des Friedrich Nietzsche“, dt. von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler, Klett-Cotta, 560 Seiten, 26 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

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