Vorsicht auf der Bibliotheksleiter: Carl Spitzwegs wunderbare Welt der Bücher

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Carl Spitzwegs „Der Bücherwurm“ entstand um 1850. Derzeit ist das Werk im schweizerischen Winterthur ausgestellt. Ansonsten erfreut es im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, dessen Spitzweg-Bestand erheblich ist. Foto: Kunst Museum Winterthur / Museum Georg Schäfer

Carl Spitzweg (1808 – 1885) lebte in einer „Welt zwischen Restauration und Revolution“, in einer Phase der Zerrissenheit, in der die Sehnsucht nach der heilen Welt ausgeprägt war. So steht es geschrieben im Katalog zur Spitzweg-Ausstellung im Kunst Museum Winterthur in der Schweiz. Doch Spitzweg selbst war alles andere als der biedermeierliche Idylliker, als der er gemeinhin angesehen wird. Seine humorvollen und detailverliebten Bilder haben in der Regel ein, zwei ironische Widerhaken zu bieten.

Die „Epoche im Widerspruch“, wie Konrad Bitterli es nennt, hat der Künstler veranschaulicht. So in seinem Gemälde „Der unwegsame Steg“, über den ein rotnasiger Schulmeister balanciert. Auch lebte Spitzweg nicht den Provinzialismus seiner Porträtierten, sondern war weltoffen und gut vernetzt – „einer der kosmopolitischsten Künstler des 19. Jahrhunderts in Deutschland“. Seinem Bruder schrieb er 1840 aus Italien: „Du kannst Dir gar nicht vorstellen, welche Sehnsucht und Lust zu reisen ich habe.“

Andrea Lutz meint in ihrem Katalog-Beitrag, Spitzweg habe die Ambivalenzen seiner Epoche gemalt. „Hinter der freundlich-skurrilen Motivwelt verbirgt sich eine persönliche kritische Sicht auf die gesellschaftlichen Zustände und ein Missfallen an den Problemen seiner Gegenwart, weshalb Spitzwegs Denken und Schaffen eine komplexere Lesart gebührt.“ So behandele beispielsweise das Gemälde „Der Institutsspaziergang“ auf subtile Weise das Thema der Kontrolle. Zudem habe Spitzweg im Revolutionsjahr 1948 Karikaturen und Glossen in den „Fliegenden Blättern“ veröffentlicht, die der Überwachungs-Bemühungen und den Autoritäten galten. Und mit der staatlichen Wehrhaftigkeit, sagen wir, scheint es auch nicht so weit her zu sein, wenn wir Soldaten beim Stricken beobachten dürfen.

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Carl Spitzwegs „Der arme Poet“ von 1838. Das Bild befindet sich in Privatbesitz. Foto: Kunst Museum Winterthur

Bibliophile Beobachter finden bei Carl Spitzweg viele Buchspuren. An Lesern ist in seinem Werk kein Mangel – Landpfarrer, Alchimisten, Antiquare, Einsiedler, andere mehr. Am berühmtesten ist „Der arme Poet“ von 1838, der von Folianten umstellt ist, während er offensichtlich eine Bettwanze oder einen Floh zwischen Daumen und Zeigefinger ins Jenseits befördert. Das an der Wand lehnende Werk trägt den Titel „Gradus ad Parnassum“ – Stufen zum Parnass, zum Musengipfel.  Ob Spitzweg den Poeten, der weltfern in seiner Dachstube chillt, auf dem richtigen Weg sieht, darf bezweifelt werden.

Ist „Der arme Poet“ ein satirisches Frühwerk, so „Kunst und Wissenschaft“ von 1880  ein vielstimmiges Spätwerk. Da wird gemalt und musiziert, geguckt und studiert. Der Buchhandel präsentiert sich offensiv. Alllerdings scheint der Kunde noch nicht restlos entschlossen zu sein, das Buch zu erwerben, in dem er bis zur Mitte vorgedrungen ist. Der Käufer jedenfalls greift schon zu einem alternativen Angebot.

Uns gefällt vor allem „Der Bücherwurm“ (um 1845), der in seiner Bibliothek von einer Lektüre derart gepackt ist, dass er offenbar überhaupt nicht wahrnimmt, wie riskant seine Position auf der Treppenleiter ist – mit je einem Band in beiden Händen sowie unterm Arm und zwischen den Knien. Ist Lesen womöglich gefährlich? Unterwegs ist er gerade in der Abteilung Metaphysik. Auf dem Gemälde „Der Antiquar“ von 1856 ist dieser Bücherwurm noch einmal als Druckgrafik an einer Hauswand zu sehen – ein Spiel der Verdoppelungen, wie David Schmidhauser anmerkt, das Spitzweg lustvoll spielte.

All das ist nachzulesen in einem lohnenden Katalog, der den Künstler wie unseren Zeitgenossen in zerrissener Zeit präsentiert.

Martin Oehlen

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Carl Spitzwegs „Kunst und Wissenschaft“ stammt aus der Zeit um 1880. Foto: Kunst Museum Winterthur / Bayerische Staatsgemäldesammlungen München – Neue Pinakothek

Ausstellung

im Kunst Museum Winterthur im Reinhart am Stadtgarten, Stadthausstrasse 6, 8400 Winterthur, Schweiz.

Geöffnet bis 2. August 2020, Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr, Donnerstag 10 – 20 Uhr. Ticket für alle drei Standorte des Museums: 19 Franken (ermäßigt: 16 Franken).

Der Katalog 

„Carl Spitzweg“, hrsg. von Konrad Bitterli, Andrea Lutz, David Schmidhauser, Hirmer Verlag, 156 Seiten,  34,90 Euro.

Spitzweg

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