Schatzsuche auf dem Dachboden: Sarah Kirschs unveröffentlichte Gedichte

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Foto: Bücheratlas

Diese Fundsache ist ein Gedicht. Moritz Kirsch, der 1969 geborene Sohn von Sarah Kirsch, hat nach dem Tod seiner Mutter im Mai 2013 ihren Nachlass geordnet. Dazu durchforstete er auch das Haus im schleswig-holsteinischen Tielenhemme bis unters Dach. Zwischen dem Allerlei, das sich auf so einem Speicher ansammelt, fand er zwei Klemmhefter aus DDR-Zeiten, die mit den Aufschriften „Gedichte“ und „Kleine Prosa“ versehen waren. Darin dann auch die 19 Gedichte, die nun erstmals in dem schönen Manesse-Band (mit zwei Lesebändchen in Rot und Weiß) veröffentlicht werden: „Freie Verse“.

Der Titel spielt auf ein gleichnamiges (bereits früher veröffentlichtes) Gedicht an. Darin heißt es: „Gestern Nacht erwachte ich wußte / Dass ich mich von diesen Versen / Verabschieden sollte. So geht es immer / Nach einigen Jahren. Sie müssen hinaus / In die Welt. Es ist nicht möglich sie / Ewig! Hier unter dem Dach zu behalten.“ Das liest sich geradezu wie eine Vollmacht für die Nachwelt, eventuelle Fundsachen zu veröffentlichen. Allerdings – der Sohn ist skrupulös ans Werk gegangen, wie er erläutert, hat nur jene Texte ausgewählt, die nicht mit dem ausdrücklichen Hinweis „Aussortiert“ oder mit gezeichneten Grabkreuzen versehen waren. Selbst jene Gedichte, die ein Fragezeichen trugen, sind nicht komplett in den Band aufgenommen worden.

Die neue alte Lyrik wird begleitet von bereits veröffentlichten Werken. Die Auswahl der insgesamt 99 Gedichte trägt das Attribut „politisch“. Dass Sarah Kirsch keineswegs die Verfasserin „unpolitischer Naturlyrik“ gewesen sei, stellt Moritz Kirsch in seinem Nachwort klar. Allein schon die Tatsache, dass sie sich immer wieder mit der Natur befasst habe, mache dies deutlich. Stimmt genau – wissen wir doch, dass die Bewahrung der Schöpfung mittlerweile ein globales Polit-Thema ersten Ranges ist.

Aber nicht nur das. Kirsch zitiert aus einem Interview seiner Mutter: „Das Leben ist eben politisch, und man kann sich dem gar nicht mehr verschließen. Man wird ja dauernd mit irgendwelchen Problemen konfrontiert, mögen sie nun innenpolitischer oder außenpolitischer Art sein. Es ist gar nicht anders möglich.“ Schon gar nicht, wenn man im Deutschdeutschen zuhause ist. So reflektieren ihre Gedichte, die auf Mauer, Zensur und Reiseverbot anspielen, all die Widrigkeiten des DDR-Systems.

Besonders kraftvoll ist der Zugriff in dem nun erstmals zu lesenden Gedicht „Astronomie im Dezember“. Es stammt aus dem Jahre 1976, als sie öffentlich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte und daraufhin aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurde. Ein Jahr später durfte sie mit ihrem Sohn in den Westen ausreisen. Das ist die erste Strophe: „Hier trompeteten die Schwäne. Meine / Staatsbürgerliche Lochkarte, ach was / Ist sie zerschlissen durch- / Schossen: ein vielfältiger / Sternhimmel an Verfehlungen itzt.“ Sie habe wohl immer die falschen Leute getroffen, den falschen Vers darauf gemacht.

Verse sind das, die frisch vom Dachboden kommen und den Blick auf Sarah Kirschs Lyrik nicht verändern, aber weiten.

Martin Oehlen

Eine Besprechung des Briefwechsels zwischen Christa Wolf und Sarah Kirsch finden Sie HIER.

Sarah Kirsch: „Freie Verse“, hrsg. von Moritz Kirsch, Manesse, 124 Seiten, 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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3 Gedanken zu “Schatzsuche auf dem Dachboden: Sarah Kirschs unveröffentlichte Gedichte

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