Paul Theroux will es noch einmal wissen – und das ausgerechnet in Mexiko

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Glaube und Hoffnung: Das Jesuskind von Atocha wird in Mexiko stark verehrt. Foto: Bücheratlas

Ein Mann will es noch einmal wissen. „Verachtet, alt, gemieden, brüskiert, stehengelassen, nicht für voll genommen, herabgesetzt, verspottet, belächelt, mit Stereotypen behangen, als parasitär empfunden, unsichtbar für die Jungen“ – so fühlt sich der 78 Jahre alte Reiseschriftsteller Paul Theroux, als er aufbricht nach Mexiko, um ein Buch darüber zu schreiben. Ausgerechnet Mexiko! Das Land der „Vergewaltiger und Drogenschmuggler“, wie US-Präsident Donald Trump nicht müde wird zu betonen.  Das Land hinter dem Zaun, der die USA vor den Verbrechern jenseits der Grenze schützen soll.

Theroux ficht das nicht an. Er ist es gewohnt, hinter die Kulissen zu schauen. „Eine Vergnügungsreise von einem Ende Mexikos bis zum anderen“ will der bekannteste Reiseschriftsteller der Gegenwart machen. „Ich wollte einfach von zu Hause weg, die Grenze überqueren und fahren, bis keine Straße mehr übrig war.“ Der Traum eines bald Achtzigjährigen, der erkennen muss, dass seine Zeit als großer Reisender abläuft. „Wie lange würde ich noch lange Strecken allein im Auto herumfahren können?“, fragt er sich. „Ich musste mich beeilen.“

So beschränkt er sich auf einen „improvisierten Roadtrip“, der ihn „an der Grenze entlang und dann weit nach Süden bis nach Chiapas führen“ soll. Fünf Tage nach einem überhasteten Aufbruch in Cape Cod an der Ostküste der USA überquert er bei McAllen in Texas erstmals die Grenze.  Mehrere Wochen reist Theroux „Auf dem Schlangenpfad“ durch Mexiko. Und entdeckt ein tief gespaltenes, in sich zerrissenes Land, dessen Schönheit ihn mehr und mehr in den Bann schlägt. Sein Versuch, den unmittelbaren Nachbarn der USA gerecht zu werden, ist von der Neugierde eines neutralen Beobachters geprägt, der alle Aspekte eines Landes erfassen will.

Theroux, 1941 in Medford (Massachusetts) geboren, hat lange in Italien, Uganda und Singapur gelebt und mehr als 40 Reisebücher geschrieben. Dennoch setzt er seinen Fuß zunächst nur zögernd auf mexikanischen Boden. Ausführlich schildert er die Machenschaften der Drogenkartelle, die Lynchjustiz des Militärs und seine Erfahrungen mit korrupten und gewalttätigen Polizeibeamten. Hinter dem Zaun können Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ohne dass ein Hahn nach ihnen kräht. Fast lustvoll zählt der Autor auf, was alles im Argen liegt in Mexiko: „Schlechte Bezahlung, kriminelle Banden, ein Land ohne vernünftiges Renten- und Gesundheitssystem und ein Staat, dem die Nöte seiner Bürger ziemlich egal sind.“

Doch es gibt auch ein anderes Mexiko. Eines mit Menschen, „die zu wohlerzogen sind, über ihr hartes Los zu klagen“. Mit unerschütterlichem Optimismus versuchen sie, ihren Alltag zu meistern und mit Anstand durchs Leben zu gehen. Theroux, dessen Blick auf das Land sich zunehmend schärft, trifft Frauen, die jahrelang in den USA gearbeitet haben und nach einem Besuch in der alten Heimat nicht mehr zurück dürfen zu ihren Kindern jenseits der Grenze. Er diskutiert mit Fluchthelfern und spricht mit Flüchtlingen, die nur eines wollen: Rauskommen aus dem Elend, in das sie hineingeboren wurden. Vergewaltiger und Drogenhändler? Nein, Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben.

Theroux erfährt auf dieser Reise eine innere Läuterung. Aus dem „deprimierten Alten, der keine Ahnung gehabt hatte, wohin die Reise ging“, ist ein lebensbejahender, fröhlicher Mensch geworden. „Ich hatte Glück gehabt“, so sein Fazit. „Mein Glück waren die Begegnungen und die neuen Freunde. Ich hatte Glück bei meinen paar Missgeschicken, die ich immer unbeschadet – und mit einer Geschichte im Notizbuch – überstanden hatte.“ Herausgekommen ist bei seiner Reise ein informatives, lesenswertes Buch, das mit vielen Vorurteilen aufräumt.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Paul Theroux: „Auf dem Schlangenpfad: Als Grenzgänger in Mexiko“, dt. von Erica Ruetz, Hoffmann und Campe, 432 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Theroux

 

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