Eben noch Kakerlake, jetzt britischer Premier: Ian McEwans bittere Brexit-Satire

London 3-2008 149 (2)

Londoner Stillleben mit Parlament und Riesenrad Foto: Bücheratlas

Jim Sams, „klug, doch beileibe nicht tiefgründig“, hat keinen guten Start in den Tag. Eben noch Kakerlake, jetzt britischer Premierminister. Ein Mensch also, ein Mann mit „fernen Füßen“ und „wenigen Gliedmaßen“ statt der vielen zappeligen Beinchen, über die er bislang verfügte. Im Mund „ein glitschiger Fleischlappen – ekelhaft vor allem, wenn er sich bewegte, um die riesige Mundhöhle zu erkunden und über eine unermessliche Anzahl von Zähnen glitt“. Ganz zu schweigen von dem „verletzlichen Fleisch“, das „in einer entsetzlichen Umkehrung außen am Skelett“ liegt.

Der britische Bestsellerautor Ian McEwan dürfte einen Mordsspaß gehabt haben, als er im August 2019 die ersten Sätze seiner Satire „Die Kakerlake“ in den Computer tippte. In dem bitterbösen, von galligem Humor geprägten Werk schreibt sich der EU-Freund und erklärte Brexit-Gegner seinen Frust über das Ausstiegsgehampel der Briten aus der Europäischen Union von der Seele. Drei Wochen nur brauchte er, um „Die Kakerlake“ niederzuschreiben, getrieben von einem Furor, der ihn selber überraschte. Im Zentrum des Geschehens: ein skrupelloser Premierminister – eben jene mutierte Kakerlake -, der mit aller Macht und gegen jede Vernunft eine krude Wirtschaftsform durchpeitschen will.

Franz Kafkas Anregung

Der knapp 100 Seiten starke Band ist nach „Maschinen wie ich“ bereits das zweite Buch des britischen Schriftstellers in diesem Jahr, und McEwan macht keinen Hehl daraus, dass er sich dabei von Franz Kafka inspirieren ließ. Auf einer Lesereise in diesem Sommer sei ihm dessen Erzählung „Die Verwandlung“ aus dem Jahr 1915 wieder in die Hände gefallen.

„Eigentlich wollte ich in diesem Jahr nichts mehr schreiben“, erzählt er in einem Interview im britischen Fernsehen. Doch Kafkas Geschichte habe ihn spontan angesprochen und inspiriert: Gregor Samsa, ein junger Reisender, wacht eines Morgens in der elterlichen Wohnung auf und findet sich verwandelt „zu einem ungeheuren Ungeziefer“. McEwan stellte Kafkas Grundidee auf den Kopf und nahm der Geschichte die Tragik. Während der unglückliche Samsa die Metamorphose von Menschen zu Tier nicht überlebt, findet sich die zum Menschen gewordene Kakerlake schnell ein in ihre neue Rolle als britischer Premierminister. McEwan ist übrigens nicht der einzige Autor, den Kafkas Erzählung zu einem eigenen Werk inspirierte. 2014 veröffentlichte der  japanische Bestsellerautor Haruki Murakami die Kurzgeschichte „Samsa in love“. Darin findet sich eine Kakerlake eines Morgens in der Gestalt von Gregor Samsa wieder und muss mühsam lernen, ein Mensch zu sein.

Es ist nicht das erste Mal, dass McEwan eine eher ungewöhnliche Erzählperspektive wählt, um seiner Sicht der Dinge Nachdruck zu verleihen. In seinem 2016 erschienenen Roman „Nussschale“, einer Hommage auf William Shakespeares „Hamlet“, steht sein Protagonist wenige Wochen vor der eigenen Geburt. Sein Blick auf die Welt endet an den gut durchbluteten Wänden des mütterlichen Uterus. Den Rest der Geschichte zimmert sich der Embryo aus den Geräuschen und Gesprächen zusammen, die er gefiltert durch die Bauchdecke der Mutter hört. In früheren Romanen wie „Abbitte und „Honig“ erfährt der Leser erst am Ende des Romans, dass er einer gewaltigen Täuschung aufgesessen ist und die Dinge ganz anders liegen, als der Erzähler ihn hat glauben lassen.

Parlamentarier mit Blattodea-Kern

Der falsche Jim Sams marschiert an jenem Morgen auf seinen zwei „knotigen Beinen“ ins britische Parlament und stellt schnell fest, dass er nicht der einzige im Palace of Westminster ist, der unter falscher Flagge segelt. Nahezu das gesamte britische Kabinett sind in Wahrheit Kakerlaken. Seine Weggefährten müssen, genau wie er selber, in der vergangenen Nacht ihre Gestalt gewechselt haben und zu Menschen geworden sein. „Einige Dutzend, ein kleiner Schwarm der Besten ihrer Nation, waren gekommen, um ein schwächelnde Führungsriege zu erobern und ihr neuen Mumm einzuflößen. Er blickte in graue, grüne, blaue oder braune Säugetieraugen und durch sie hindurch, sah bis hinab zum schimmernden Blattodea-Kern ihres innersten Wesens und verstand und liebte seine Kollegen und deren Werte.“ Selbst US-Präsident Tupper, „ein nicht zu unterschätzender Mann mit gewaltigem Appetit und eigenen moralischen Prinzipien“, wird von Sams als ehemalige Küchenschabe enttarnt.

„Reversalismus“ hat McEwan die Wirtschaftsform getauft, die Sams und die Seinen mit aller Macht durchsetzen wollen. Und die selbstredend als Synonym für den von ihm verhassten Brexit steht. Der sei „a huge mistake“, ein sehr großer Fehler, wird der Autor seit Jahren nicht müde zu betonen. „Ich habe in Büchern und Artikeln Millionen Wörter darüber gelesen, und ich bin sehr verzweifelt über die ganze Geschichte.“ Zu seiner Verzweiflung über die Irrwege der britischen Politiker habe sich irgendwann das Lachen gesellt. „Und wenn Verzweiflung und Lachen zusammenkommen, kann vielleicht Literatur daraus entstehen.“

Arbeitnehmer bezahlen fürs Arbeitendürfen

„Die Ursprünge der Reversalismus liegen im Dunkeln und sind in interessierten Kreisen heiß umstritten“, erklärt McEwan in „Die Kakerlake“ die Idee der „Rückwärtsdreher“. Und entwirft eine Ideologie, die so krank und auf eine verrückte Weise so überzeugend ist, dass man fast geneigt ist, an ihre Existenz zu glauben. Nach der Vorstellung ihrer Anhänger soll der gesamte Geldfluss umgekehrt und das bis dato gültige Wirtschaftssystem komplett auf den Kopf gestellt werden. „Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig vom Einzelhandel entschädigt.“ Verrückt? Ja, aber das Volk will es so.

Die Vertreter der „Rückdreher-Wirtschaft“ versprechen sich von dem „umgekehrten Geldkreis“ die Reinigung „von allen Absurditäten, von Verschwendung und Ungerechtigkeit“. Wie das funktionieren soll in einer „sich vorwärts drehenden Welt“, sei dahingestellt. Kein Wunder also, dass sich das Kabinett seit Monaten in endlosen Diskussionen verliert, statt eine Entscheidung zu treffen.

Das ändert sich erst, als die Kakerlaken die Macht übernehmen, um ihr eigenes Schäflein ins Trockene zu bringen. Dass der Reversalismus die Nation ins Elend führen wird, wissen sie selber. Doch wenn es den Menschen schlecht geht, geht es den Kakerlaken gut. Sams, ein Demagoge vor dem Herrn, zögert nicht, die Kritiker und Zauderer aus den eigenen Reihen mit perfiden Mitteln zu Fall zu bringen.  So wird einer seiner Gegner zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Ein Bootsunfall vor der bretonischen Küste, bei der sechs englische Fischer durch eine französische Fregatte zu Tode kommen, wird zu einem möglichen Kriegsgrund hochgejazzt, um von den innenpolitischen Diskussionen abzulenken.

Realität toppt zuweilen die Fiktion

Zynisch, böse und unangenehm nahe an der Wirklichkeit lesen sich viele Passagen in McEwans 20. Buch, und so bleibt einem beim Lesen bisweilen das Lachen im Hals stecken.  Manchmal sei die Realität durch die Fiktion kaum zu toppen, gibt der Autor zu. „Als ich mir noch einmal Boris Johnsons erstes politische Statement als Premierminister ansah, dachte ich nur: Das kann ich nicht besser machen.“

Ob McEwans „Kakerlake“ über den Brexit hinaus Bestand haben wird, muss sich zeigen. Der Autor selbst hofft, dass sein Buch langfristig zumindest als Warnung vor politischen Irrwegen funktionieren könnte, „falls die Dinge noch einmal komplett aus dem Ruder laufen“.  In Erinnerung bleiben wird „Die Kakerlake“ auf jeden Fall als ein bitter-ironischer Lese-Spaß, herausgehauen von einem, dem die Hutschnur geplatzt ist und der nun mächtig vom Leder zieht. Man möchte lachen und weinen über dieses Buch, das eine Welt spiegelt, in der alles möglich ist. Sogar, dass die Kakerlaken die Macht übernehmen.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Ian McEwan: „Die Kakerlake“, dt. von Bernhard Robben, Diogenes, 112 Seiten, 19 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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