Prachtband über Kathedralen am Rhein (und ein Hinweis auf Notre-Dame, wo es „ganz schlecht“ steht)

Straflburger M¸nster, CathÈdrale Notre-Dame de Strasbourg

Im unwiderstehlichen Sog der Gotik: Blick durch die Altstadtgasse auf die Westfassade des Straßburger Münster. Foto: Florian Monheim / Greven Verlag

Das Ganze ist ein Hochamt, ein Festtag, ein Jubilieren in Bild und Text. Fotograf Florian Monheim und Autor Jürgen Kaiser versammeln in einem Prachtband die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln (also ohne Chur am Alpenrhein und Utrecht am Oude Rijn). Unterwegs geht es um „Macht und Herrlichkeit“, um himmelsstrebende und erdbeherrschende Spitzenkunst im Zeichen des Glaubens.

Fotograf Monheim rückt die acht Kathedralen und die eine, wegen ihrer besonderen Qualität ebenfalls berücksichtigte Katharinenkirche zu Oppenheim in ein freundliches Licht. Meistens scheint auf diesen Aufnahmen die Sonne, drinnen wie draußen; und wenn dann in Worms der Dom einmal im Dunst verschwimmt, ist dies sogleich eine kleine Irritation. Die hyperscharfen Fotografien machen die intensive Strahlkraft der Bauwerke aus Romanik und Gotik eindrucksvoll erfahrbar. In der Totalen, aber auch gerne im Detail. Die Nahaufnahmen gelten nicht nur der in sich gekehrten Madonna oder dem Nasenflöter, den kraxelnden Putti oder den posaunenden Engeln. Ebenso rückt Monheim den Pfeilern, Bögen, Streben, Radfenstern und Zackenbändern zuweilen so dicht auf die Pelle, dass man meint, die Poren ihrer steinernen Haut fühlen zu können. Und die traumhaften Deckengewölbe scheinen mit ihren Steinrippen, Sternrippen und Schlingrippen geradezu ein- und auszuatmen.

„Der schönste Turm der Christenheit“

Autor Jürgen Kaiser stellt in seinen aufschlussreichen Texten Genesis und Gestaltung  der Dome, Münster, Kathedralen heraus. Nicht selten bietet sich ihm dabei die Gelegenheit, den einen oder anderen Superlativ zu formulieren. Die Reise beginnt in Konstanz, wo es ein „Kabinettstück seeschwäbischer Spätgotik“ zu bewundern gilt, die steinerne Wendeltreppe hoch zum Domkapitel, die als „Schnegg“ bekannt ist. Das Basler Münster, das 1356 von einem Erdbeben schwer beschädigt wurde und das mit seiner romanischen Galluspforte punktet, ist „die am schönsten gelegene Kathedrale am Rhein“. Freiburg hat, meint Kaiser, „den schönsten Turm der Christenheit“: „Dieses Meisterwerk der Gotik zu erklimmen und durch den vollständig mit Maßwerkformen durchbrochenen Helm zu blicken, gehört mit zum schönsten Erlebnis, das die deutsche Architektur des Mittelalters zu bieten hat – steinerne Schwerelosigkeit in Vollendung.“

Wer anschließend in Straßburg Station macht, „erlebt wohl wie an keinem zweiten Ort die triumphale Wucht gotischer Kathedralen.“ Der Dom zu Speyer ist nach Ansicht des Autors – neben Aachen – „mit Abstand das bedeutendste Bauwerk des deutschen Mittelalters“. Der romanische Dom und mit ihm die Krypta sprengten „alle Maßstäbe“. Der Wormser Dom, mit markanten Rundtürmen aus rotem Sandstein und einem originellen Westchor ausgestattet, wird als „bedeutendster Kirchenbau der Stauferzeit“ gepriesen. Die Katharinenkirche von Oppenheim gilt Kaiser als „Kathedrale im Kleinformat“, deren gotische Prachtfassade von „fast unwirklicher Schönheit“ sei. In Mainz, wo die bronzenen Türflügel aus dem Jahr 1000 stammen, wird die alte, dicht an die Kathedrale heranführende Bebauung hervorgehoben.

„Kölner Dom ein einmaliges Identifikationssymbol“

Ab und an wird der Lobgesang unterbrochen von zarter Kritik. So stellt Kaiser fest, dass die Nähe des Kölner Hauptbahnhofs zum Kölner Dom „zu erheblichen Problemen“ führe: „Die Würde des Bauwerks zu bewahren, fällt hier nicht immer leicht.“ Dann löckt Kaiser den Stachel wider das ganz und gar grandiose Domfenster von Gerhard Richter, diese „rein abstrakte Ansammlung vielfarbiger Quadrate“. Der Autor meint: „Leider verzichtete der Künstler trotz der riesigen Fläche, die ihm zur Verfügung gestellt wurde, auf jede inhaltliche Aussage“. Das kann man sehr wohl anders sehen. Dass Richters Werk Bezug nimmt auf den mittelalterlichen Farbkanon, also durchaus eine „Aussage“ hat, findet sich in dem frisch erschienenen Richter-Band von Klaus Honnef (eine Besprechung gibt es HIER). Zudem – eine Und-dann-und-dann-und-dann-Geschichte erzählen auch die Ranken und Maßwerke und Pfeiler entlang des Rheines nicht, die Kaiser trotzdem und zu Recht zu preisen weiß.

Der Kölner Dom, so heißt es zum Ende der Kathedralen-Reise, sei wie kein zweites Bauwerk in einer deutschen Großstadt das „Identifikationssymbol“ ihrer Bewohner. Und standesgemäß ist mit einem finalen Superlativ das Ziel erreicht: Dieser Dom hat „die größte Kirchenfassade, die jemals gebaut wurde.“

„Es steht immer noch ganz schlecht um Notre-Dame“

Bei einer Vorstellung des Kathedralen-Bandes in der Kölner Karl-Rahner-Akademie wurde am Donnerstagabend der Blick für einen kurzen Moment vom Rhein weg- und zur Seine hingelenkt. Moderator Johannes Schröer (Domradio) bat die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die seit dem katastrophalen Brand von Notre-Dame die deutsche Hilfe in Paris koordiniert, nach dem Stand der Dinge.

Schock-Werners Antwort: „Es steht immer noch ganz schlecht um Notre Dame.“  Man sei dort weiterhin mit Sicherungsarbeiten befasst. Es stürzten Steine herab. Auch sei nicht sicher, ob die Gewölbe, die stehengeblieben sind, es weiterhin tun werden. Und das ist nicht alles: „Es wird zehn Jahre dauern, bis die Kathedrale wieder trocken ist.“ Problematisch sei zudem, dass mit Seine-Wasser gelöscht worden sei. Das schmutzige Flusswasser habe das ganze Gebäude zusätzlich verunreinigt. Weiter werde es eine sehr herausfordernde Aufgabe sein, die 37 ausgebauten Fenster zu restaurieren. Und die Orgel – wie andere Bereiche auch – stecke voller Bleistaub und Bleibröckchen. Ursprünglich ist Schock-Werner davon ausgegangen, dass 2020 mit dem Wiederaufbau begonnen werden könne. Doch mittlerweile gehe man in Paris davon aus, dass dies erst 2021 der Fall sein werde.

Martin Oehlen

Jürgen Kaiser und Florian Monheim: „Macht und Herrlichkeit – Die großen Kathedralen am Rhein von Konstanz bis Köln“, Greven Verlag, 344 Seiten, 233 Abbildungen, 50 Euro.

Kathedralen1

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