Das Gedenkjahr naht: Karl-Heinz Ott über Hölderlins Geister

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Karl-Heinz Otts „Hölderlins Geister“ auf der Frankfurter Buchmesse 2019  Foto: Bücheratlas

In Tübingen am Neckar, meint Karl-Heinz Ott, kann man noch heute die Schritte des Friedrich Hölderlin (1770-1843) auf dem Kopfsteinpflaster vernehmen (und ebenso die seiner Kommilitonen Hegel und Schelling). Von dort aus macht sich der Autor auf, um Hölderlin in seiner Zeit und in der Rezeption zu ergründen. Ja, Hölderlin ist ein Dichter der vielen Wahrnehmungen, der in der NS-Zeit nationalistisch vereinnahmt und von den 68ern als Revolutionär gefeiert und darüber hinaus noch in weiteren Versionen gedeutet wurde.

Anregend ist es allemal, wenn sich Ott kritisch auf die Dichtung einlässt. Von einer Hommage, gar einem Hymnus auf Hölderlin kann keine Rede sein. Den hohen Ton, das sogenannte Pindarisieren in Anlehnung an das antike Vorbild, lesen wir, habe der Dichter zu seinem „Markenzeichen“ gemacht: „Ein Hang zum Vieldeutigen und Schwerverständlichen zeichnet Hölderlins Verse aus, es ist viel die Rede von den Himmlischen, vom Göttlichen, von Vater Äther.“ Bescheiden gehe es selten zu, stets strebe die Sprache zum Erhabenen, die Anrufung von Helden und Göttern gerate zum „magischen Akt“. Nichts gehe über Herkules.

Vieles wird geboten in diesem gelehrten, aber nicht verkapselten Groß-Essay. So zahlreich wie die Stationen sind auch die Assoziationen – von Dionysos (Weingott) bis Dylan (Literaturnobelpreisträger). Hölderlins Krankheit („verruckt“), Heideggers „heimatselige Hölderlinerei“ oder auch der Streit der Forscher: Es wird allerlei besichtigt auf dieser abwechslungsreichen Wanderung durch die Geistes- und Gesellschaftsgeschichte.

„Hölderlins Geister“ ersetzt nicht die Lektüre der Lyrik, des „Hyperion“ oder des Dramas „Tod des Empedokles“. Der Band, der rechtzeitig zum 250. Geburtstag erscheint, ersetzt auch nicht die Lektüre einer Biografie. Aber – und das ist ein Aber, wie es Karl-Heinz Ott in Hölderlins Texten als eine Form der Bejahung ausgemacht hat – aber Stimulanzien für die eine wie die andere Fortsetzung der Lektüre gibt es hier zuhauf.

Martin Oehlen

Karl-Heinz Ott: „Hölderlins Geister“, Hanser, 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Ott

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