Sonnenblumen sowieso: Vincent van Goghs Stillleben in Potsdam und bei Prestel

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„Trauben, Zitronen, Birnen und Äpfel“ aus dem Jahre 1887, die auf pulsierendem Grund zu liegen scheinen. Foto: Museum Barberini / The Art Institute of Chicago

Aller guten Dinge sind drei Ausstellungen! Vincent van Gogh (1853 – 1890) wird derzeit nicht nur im Noordbrabants Museum in ‘s-Hertogenbosch mit einem Blick auf seinen inneren Kreis (mehr dazu HIER) und im Frankfurter Städel mit einer Ausstellung zur zumal deutschen Rezeption (HIER) gewürdigt. Parallel dazu widmet sich das Museum Barberini in Potsdam dem Giganten der malenden Neuzeit: Erstmals werden dort seine Stillleben in einer monothematischen Schau präsentiert. Für alle, die bis Anfang Februar 2020 nicht dorthin gelangen sollten oder die sich dem Thema nach einem Besuch noch etwas gründlicher widmen wollen, ist der Katalog aus dem Prestel-Verlag von größtem Nutzen.

Mit Stillleben hat Vincent van Gogh 1881 seine Künstlerkarriere begonnen – mit Kohlköpfen und Klompen, die ihm sein Lehrer Anton Mauve hingelegt hatte. Allerdings mied van Gogh danach erst einmal dieses Genre und wandte sich Menschen und Landschaften zu. Am Ende waren es dann aber doch über 170 Stillleben, die er geschaffen hat. Einem seiner Schüler sagte er: „Stillleben malen ist der Anfang von allem. Wenn du Stillleben malen kannst, kannst du auch einen Wald malen.“

Womöglich sind die Sonnenblumen das bekannteste Motiv van Goghs, auf jeden Fall leuchten sie auf seinen bekanntesten Stillleben. Unsere Sonnenblumen-Fotografie auf dieser Seite (siehe oben) stammt übrigens aus Etten-Leur, aufgenommen vor der Kirche, in der van Goghs Vater sieben Jahre lang gepredigt hatte. Doch nicht in seiner Heimat Brabant, sondern im südfranzösischen Arles hat van Gogh Farbigkeit und Finessen der Sonnenblumen schätzen gelernt. In den Jahren 1888 und 1889 hat er sieben Versionen gemalt, sechs davon sind erhalten und über die ganze Welt verteilt. Nach Potsdam hat es keine davon geschafft, wohl aber in den Katalog. Museums-Direktorin Ortrud Westheider zu diesem Motiv: „In den Sonnenblumen sah er Freundschaft und Dankbarkeit.“

Ein weiteres typisches, für die Kunstgeschichte bis dahin ungewöhnliches Motiv sind die ausgetreten Arbeitsschuhe. Mehrfach hat er, dem einfachen Leben sehr verbunden, ins Bild gerückt. Angeblich erwarb er einige als gebrauchte Ware auf dem Flohmarkt; wenn sie ihm zu sauber erschienen, lesen wir im Katalog, „zog er sie an und trampelte damit durch den Matsch, um ihnen die abgenutzte Erscheinung zu verleihen, die er bei seinen Modellen und Objekten bevorzugte.“

Bemerkenswert – und für diesen Blog von zusätzlichem Interesse – ist das Buch als Motiv. Van Goghs Mutter Anna Cornelia van Gogh-Carbentus stammte aus einer Buchbinder-Familie, er selbst arbeitete eine Weile als Buchverkäufer in Dordrecht. Dass er zeitlebens ein Leser war, zeigt sich in seinem Werk. Berühmt ist das „Stillleben mit Bibel“ (derzeit in ‘s-Hertogenbosch ausgestellt), auf dem van Gogh – der in einem angespannten Verhältnis zu seinem predigenden Vater stand – neben der Heiligen Schrift einen Roman von Emile Zola platziert: „La joie de vivre“. Zahlreiche weitere Bücher-Spuren finden sich. Aus dem Jahre 1887 beispielsweise die Gemälde „Französische Romane mit einer Rose“ und „Stillleben mit einer Gipsstatuette“ nebst den Romanen „Germinie Lacerteux“ der Brüder Goncourt und „Bel-Ami“ von Guy de Maupassant. Weniger belletristisch, sondern praktisch ist die Titelwahl im „Stillleben mit einem Teller Zwiebeln“ von 1889, das auch den Umschlag des Katalogs (siehe unten) schmückt. Dort abgebildet ist das medizinische Jahrbuch „Manuel annuaire de la santé ou Médicine et pharmacie domestique“. Es wird spekuliert, dass van Gogh darin Rat gesucht hat.

Der Stillleben-Weg des Künstlers von den dunklen Erdfarben der Kartoffelkörbe des Anfangs bis zu den leuchtenden Blumensträußen der Spätphase, sein Blick auf die Motive der Alten Meister und seine „Pionierarbeit“ im Reich der Farben – all das wird in der Ausstellung anhand von 27 Werken und im Katalog zusätzlich anhand von sieben Essays (und weiteren Materialien) nachvollzogen. Sjraar van Heugten sorgt zum Einstieg für einen handfesten Überblick („Kraft des Alltäglichen“), Ausstellungs-Kurator Michael Philipp Michael sondiert den Einfluss der Alten Meister („Tradition und Anverwandlung“), Marije Vellekoop liefert hübsch spezielle Einsichten in die Palette („Von ‚Rotzfarben‘ zu ‚starken‘ Farbtönen“), Stefan Koldehoff korrigiert die Mär von der Dominanz der Blumenstillleben („Hauptsächlich malt er Blumen“), Eliza Rathbone schaut aufs leuchtende Spätwerk („Von der Stille ins Leben“), Oliver Tostmann stellt die Echtheits-Frage („Van Gogh oder nicht?“) und Michael F. Zimmermann glaubt, dass van Gogh seine „überschießenden Gefühle regelrecht an die gemalten Objekte“ auslagerte, die so „zu Fetischen des Ausagierens einer Erregtheit (wurden), deren Ursprung das Ungenügen an der Kunst- und Medienkultur seiner Zeit war“ („Fetisch und Entfremdung“).

So viel van Gogh war schon lange nicht mehr. Und wohin man schaut, lohnt sich die Beschäftigung. Als Betrachter und als Leser.

Martin Oehlen

Ausstellung „Van Gogh. Stillleben“ im Museum Barberini in Potsdam bis 2. Februar 2020.

„Van Gogh. Stillleben“, hrsg. von Ortrud Westheider und Michael Philipp, Prestel, 264 Seiten, 39 Euro.

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