Abraham B. Yehoshua baut in Israel einen Tunnel für Lebensmut und gegen das Vergessen

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Vom Straßenbau im israelisch-palästinensischen Spannungsfeld ist die Rede in Abraham B. Yehoshuas Roman „Der Tunnel“. Foto: Bücheratlas

Erst sind es nur die Vornamen von Bekannten, die dem ehemaligen Straßenbauingenieur Zvi Luria (72) nicht mehr mit selbstverständlicher Zuverlässigkeit einfallen. Dann bringt der Israeli eines Tages statt seines Enkels einen fremden Jungen vom Kindergarten in Tel Aviv nachhause. Da darf dann mal ein Fachmann ran. Der Neurologe weist die Vokabel Demenz fürs erste vom Tisch. Aber eine kleine dunkle Stelle, eine Atrophie auf dem Frontallappen, lässt sich erkennen. Das müsse genau beobachtet werden, sagt er. Und es gelte: Ehefrau Dina (65), eine Kinderärztin, sollte künftig mehr als üblich auf ihren Ehemann achtgeben. Denn der Weg weist in die Dunkelheit.

Doch keine Bange, liebe Leser: Was folgt, ist keine novembernieselregenmäßige Depressions-Lektüre im XXL-Format. So düster die diagnostizierte Perspektive für Zvi Luria (und seine Familie) ist, so vergleichsweise offensiv und humorvoll stellt sich der Romanheld auf diese ein. Die wichtigste Initiative, zu der ihn allerdings seine Ehefrau drängt: Er wird noch einmal aktiv für seinen ehemaligen Arbeitgeber, die israelische Behörde für öffentliche Bauten. Unentgeltlich berät er den jungen Ingenieur Maimoni, der in der Negev-Wüste eine Straße für die Armee planen soll. Und plötzlich weitet sich der Roman einer privaten Krankheitskrise zu einem Blick in die israelische Gegenwart. Denn auf einem Hügel entlang der Strecke wohnt ein Palästinenser ohne gültige Papiere. Da stellt sich gänzlich unerwartet die Frage, ob dies ein Grund sein könnte, auf das Abtragen des Hügels zu verzichten und stattdessen einen Tunnel zu bauen. Warum, wieso? Es geht um ein wenig Mitmenschlichkeit inmitten vielfältiger Verwerfungen.

Abraham B. Yehoshua, 1936 in Jerusalem geboren, glückt in diesem Roman vor allem das Porträt eines alternden Mannes, der sich nicht unterkriegen lässt. Zvi Luria weiß ums Vergessen – und sich zu helfen. So lässt er sich sogar die vier Ziffern des Codes für die Wegfahrsperre seines Autos auf den Arm tätowieren, als ihm dieser immer wieder entfällt. Dass zumal deutschen Lesern da ganz andere Assoziationen beschleichen, versteht sich. Aber hier geht es ums Bestehen im Kleinklein des Alltags.

Dieser sympathische Behauptungswille und die altersweise Klarsicht werden auf bewegende Weise geschildert. Sie hilft hinweg über die etwas haarig konstruierte Hügel-Problematik. Da spielen viele politisch-persönliche Faktoren eine Rolle – vorneweg das Konfliktverhältnis zwischen Israelis und Palästinensern, dem sich Yehoshua in vielen Aufrufen zur Versöhnung sein Leben lang gewidmet hat. Mit dem Hügel verbunden ist aber auch eine verpasste Herztransplantation und die Frage nach der Identität, ein hoher Geldbetrag und das Erbe der Nabatäer, alte Dienstverhältnisse und neue Allianzen, Ingenieurskunst und Finanzierungsrahmen, eine komplexe Rechtslage und die schöne Ayala (hebräisch), deren ursprünglicher Name Hanadi (arabisch) Schwert bedeutet. Auch der Naturschutz ist zu berücksichtigen – nebst einem Hirsch zum dramatischen Finale. Der hebräische Vorname Zvi, auch das ist hier nicht ganz unbedeutend, bedeutet auf Deutsch Hirsch.

Zvi Luria also, der Held von der Mut machenden Gestalt, lernt auf dieser späten Lebens-Etappe eine Menge. In seiner Berufszeit hatte er strikt jeden privaten Kontakt zu den Kollegen vermieden, um sich ganz auf die Arbeit konzentrieren zu können. Nun wird er tief hineingezogen in die Sorgen anderer. Vor allem aber öffnet er sich selbst den Mitmenschen, um sein Vergessen und seine Desorientierung verständlich zu machen. Dass solche Seelenarbeit im Zweifel hilft, die Demenz zu verlangsamen, ist eine These, die in diesem die Lektüre lohnenden Roman mehrfach aufgestellt wird. Es scheint ein Licht im Tunnel.

Martin Oehlen

Abraham B. Yehoshua: „Der Tunnel“, Nagel & Kimche, dt. von Markus Lemke, 368 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Yehoshua

Die Lesereise, die Abraham B. Yehoshua in den nächsten Tagen nach Deutschland führen sollte, musste er aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen.

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