Bettina Hesses „Philosophie des Singens“ von Orpheus bis zu Major Tom

Saenger (2)

Ein Orpheus singt bei diesem Trio nicht mit. Aber so einen Megastar kann man ja auch nicht überall erwarten. Foto: Bücheratlas

Am Anfang war Orpheus. Wenn die griechische Sagengestalt ihre Stimme erhob, dann wurden Steine ganz weich, bogen sich die Bäume und schmolzen die Menschen aus lauter Betörung dahin. Gut, so einen Sänger hat man schon lange nicht mehr gehört. Aber die Zahl derer, die in seine mythischen Fußstapfen treten, sind Legion. Damals,  danach und noch heute. Für Bettina Hesse ist dies ein guter Grund, eine kleine Philosophie des Singens herauszugeben. Denn ein solches Werk, so stellt es die Autorin fest, fehle bislang, also eine allumfassende Betrachtung des Singens.

Das ist ein lohnendes, buntes, teils tiefschürfendes, aber stets allgemein verständliches Kaleidoskop an Erkenntnissen, Erfahrungen und Empfindungen. Das Nachdenken über die Stimme („unser wichtigstes Überlebenswerkzeug“ als Baby), über das Singen unter der Dusche oder in Popchören („Major Tom To Ground Control“), über die Pause und die Seele, über Philosophen wie Roland Barthes oder Musiker wie John Cage – das alles findet hier zusammen.

Besonders gut hat uns – wir sind hier auf dem „Bücheratlas“ unterwegs – Angela Steideles Beitrag gefallen. Die Schriftstellerin erinnert daran, dass die Dichtung über zwei Jahrtausende lang gesungen wurde. Homer und Kollegen, na klar. Und sie weist darauf hin, dass dies noch heute der Fall ist, wenn man nur an den Literaturnobelpreisträger Bob Dylan denke. Grundsätzlich entdeckt sie eine Renaissance der Mündlichkeit im Literaturbetrieb. Steidele schreibt aus der Perspektive der Autorinnen und Autoren: „Wie man sich bei Lesungen schlägt, kann mittlerweile Karrieren entscheiden; zumindest beeinflusst die individuelle Performance Literaturveranstalter, die lieber mal eine Bühnensau einladen als noch einen grübelnden Schweiger.“ Singen schadet da offenbar nicht.

Aber auch dies ist nur ein Aspekt neben vielem anderen in dieser Gesangs-Philosophie. Der schön gestaltete Band ist eine gut gefüllte Fundgrube: So viele Töne, so viele Stimmen. Auch Orpheus, diese Wette sei gewagt, würde das Buch empfehlen.

Martin Oehlen

Bettina Hesse (Hrsg.): „Die Philosophie des Singens“, Mairisch Verlag, 272 Seiten, 22 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

Hesse

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