Sebastião Salgados faszinierender Blick in den Abgrund: „Gold“

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Doppelseite aus dem Salgado-Bildband „Gold“. Foto: Taschen

Was für eine archaische Kraft die Bildkunst des Sebastião Salgado zu entwickeln vermag, wird womöglich nirgends deutlicher als in seinen Aufnahmen von Goldsuchern im brasilianischen Amazonas-Gebiet. Das ist ein Gewimmel zehntausender halbnackter Männer, allesamt überzogen vom Schlamm der Grube, in die sie auf selbstgezimmerten, gigantischen Leitern auf- und absteigen, dicht an dicht, in einem lebensgefährlichen Wettlauf um ein paar Unzen Wohlstand. Und der Wald, den sie gerodet haben, und die Flüsse, die sie beim Goldwaschen mit Quecksilber verseucht haben, wird ihnen vermutlich kein Gedanke wert gewesen sein. Kaum haben die „garimpeiros“ Zeit, einen Blick auf den Fotografen, in die Kamera zu werfen. Gehetzt, erschöpft, gierig – so mutet an, was die Bilder von ihnen preisgeben.

Die Aufnahmen aus der Mine Serra Pelada, allesamt im konzentrierten Schwarz-Weiß gehalten, sind nun in dem großartigen Taschen-Bildband „Gold“ versammelt, zu dem Salgado einleitende Worte geschrieben hat. Er besuchte die Grube 1986, da war sie schon einige Jahre in Betrieb. Erst als die Militärdiktatur die Macht verlor, erhielt Salgado die Zutritts-Erlaubnis. Er schreibt: „Als ich zum ersten Mal nach Serra Pelada kam, war ich sprachlos.“

Diese Sprachlosigkeit wird auch heute noch so manchen Betrachter übermannen, der sich auf die apokalyptischen Bilder einlässt. Es sind Szenen aus dem Urschlamm. Die „Sklaven des Goldes“, die wie in diesem streng parzellierten Ameisenstaat unermüdlich schuften, provozieren unmittelbar Staunen und Mitleid. 99 Prozent der Säcke, die die Männer auf glitschigem Grund täglich nach oben schleppten, schreibt Salgado, enthielten nichts als Erde und Steine. Und heute? Längst sind die Goldsucher weitergezogen.

Nun erhält Sebastião Salgado den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der brasilianische Fotograf und Naturschützer bekommt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung am 20. Oktober 2019 zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse. Salgado – der erste Fotograf unter den Preisträgern der renommierten Auszeichnung – fordere mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden, meint die Jury, und er verleihe mit seinem Werk der Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit. „Gold“ bestätigt diese Einschätzung auf faszinierende Weise.

Martin Oehlen

Signierstunde mit Sebastião Salgado auf der Frankfurter Buchmesse am Samstag, 19. Oktober, von 11 bis 12 Uhr am Stand des Taschen-Verlags (Halle 3.0, D 85).

Sebastião Salgado: „Gold“, Taschen, 206 Seiten, 50 Euro.

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