Kenneth Bonerts Roman über Südafrika im Endstadium der Apartheid

Bonert-Leute

Blick Richtung Zukunft – das denken wir uns bei dieser Aufnahme vom Kap der guten Hoffnung. Foto: Bücheratlas

Isaac Helger, der Held in Kenneth Bonerts mehrfach preisgekröntem Debütroman „Der Löwensucher“, ist alt geworden. Das einst feuerrote Haar hat seinen Glanz verloren, Falten und Furchen zeichnen das Gesicht des jüdischen Schrotthändlers, dessen Familie in den 1920er Jahren aus Litauen nach Südafrika floh. Das ist mehr als 60 Jahre her, und längst fühlt sich Helger in seiner Wahlheimat nur noch bedingt willkommen.

Fünf Jahre hat sich Kenneth Bonert Zeit gelassen für seinen zweiten Roman „Der Anfang einer Zukunft“, in der er die Geschichte der jüdischen Familie Helger fortschreibt. Bonert, 1972 im südafrikanischen Johannesburg geboren, zog 1989 als 17-Jähriger mit seinen Eltern nach Kanada und lebt heute als Journalist und Schriftsteller in Toronto. 17 Jahre alt ist auch der Protagonist seines gerade in deutscher Übersetzung erschienenen zweiten Romans, Isaac Helgers jüngster Sohn Martin, und so steht zu vermuten, dass sich in der Fiktion auch Spuren von Bonerts eigener Biografie verbergen.

Man schreibt das Jahr 1989. Bis zur Abschaffung der Rassentrennungsgesetze durch den damaligen südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk sollen noch zwei Jahre vergehen, doch es gärt schon lange in dem von einer weißen Minderheit regierten Land. Die verbotene Untergrundorganisation ANC, der African National Congress, zeichnet sich verantwortlich für zahlreiche Bombenanschläge auf öffentliche Einrichtungen, Supermärkte und Fastfood-Ketten. Immer wieder kommt es zu Gewaltakten gegen Weiße.

Martin Helger bekommt von all dem nichts mit. Der introvertierte Teenager lebt in seiner eigenen, kleinen Welt. An der jüdischen Schule in Johannesburg, der hochangesehenen Solomon Highschool, in die ihn der Vater eingekauft hat, findet er keinen Anschluss. Zuhause versinkt er in einer Traumwelt, in der er keine Gefährten braucht. Die Stimmung daheim ist ohnehin angespannt. Martins älterer Bruder Marcus hat sein Studium hingeworfen und ist zur Armee gegangen. „Warum macht man so etwas?“, wütet der alte Helger, der nichts am Hut hat mit der südafrikanischen Apartheidregierung und erst recht nicht mit deren Kampftruppen. „Immer der grootbaas, der Big Boss, dominant, den weißen Fuß im schwarzen Nacken“, kanzelt er die weiße Politikerclique um Präsident Pieter Willem Botha ab. „Sie haben nie in das Land investiert, immer nur in sich selbst. Aber man kann nicht 25 Millionen Menschen auf ewig unterdrücken.“

Erst die attraktive amerikanische Austauschstudentin Annie Goldberg, die einige Wochen bei seiner Familie wohnt, öffnet Martin die Augen. Die junge Frau nimmt ihn mit nach Julius Cäsar, einem Township am Rande von Johannisburg, wo sie an der einzigen Schule vor Ort als Lehrerin auf Zeit arbeitet. Zum ersten Mal sieht Martin, unter welchen Bedingungen große Teile der Nicht-weißen-Bevölkerung leben. „Dann erreichen wir die erste Häuserreihe – graue Betonkästen, alle gleich, ohne Unterschied, als wären sie in einer Fabrik ausgestanzt worden. Leute sitzen auf Plastikstühlen davor und beobachten uns, als wir vorbeigehen. Von einem Graben, in dem sich der Müll türmt, geht ein fruchtiger Gestank aus – die städtischen Müllwagen sind Ziele im Struggle und fahren nicht hier raus.“

Annie Goldberg ist es auch, die ihn unter vollem Körpereinsatz dazu bringt, für den ANC Videobänder mit der Anleitung zum Bombenbauen zu kopieren. Doch Martin gerät schon bald ins Visier von Captain Wilhelm Francois Oberholzer, einem überzeugten Nationalisten und Judenhasser. Dessen verstorbener Vater wurde vor Jahren von dem alten Isaac Helger in den Ruin und letztendlich in den Tod getrieben. Nun will sich der junge Oberholzer an der jüdischen Familie rächen.

Bonert schildert ein Land am Rande des Abgrunds. Mehr und mehr begehrt die schwarze Bevölkerung auf gegen die Vorherrschaft der Weißen, die wiederum um ihre Privilegien, wenn nicht um ihr Leben fürchten. Selbst Isaac Helger würde „ihnen“, den Schwarzen, in absehbarer Zeit „nicht einfach ein modernes Land anvertrauen. Sie brauchen Anleitung und vernünftige Bildung, ehe sie dazu bereit sind, in der Politik mitzumischen.“ Captain Oberholzer formuliert seine Position noch wesentlich drastischer: „Wir Afrikaaner sind der weiße Stamm Afrikas. Es ist unser Land, unser Schweiß, unser Blut, unsere Geschichte. Und niemand – niemand – sonst verdient es zu regieren.“

Leider fehlt Bonerts zweitem Roman die sprachliche Wucht und Überzeugungskraft von „Der Löwensucher“. Das mag daran liegen, dass die Handlung in zu viele Nebenschauplätze zerfranst und mancher Monolog und politischer Disput ganze Seiten füllt. Doch Bonert ist ein genauer Beobachter, er kennt aus eigenem Erleben die Zustände in Südafrika vor der Abschaffung der Apartheid. Gnadenlos schildert er auch den Verfall seines Geburtslandes in den 1990er Jahren. Und genau das macht seinen Roman trotz einiger Längen interessant und lesenswert: seine Kenntnisse über ein Land, das so – glücklicherweise – nicht mehr existiert, und seine Fähigkeit, diese Kenntnisse zu einem vielschichtigen literarischen Stoff zu verarbeiten.

Petra Pluwatsch

Kenneth Bonert: „Der Anfang der Zukunft“, dt. von Stefanie Schäfer, Diogenes, 650 Seiten, 26 Euro. E-Book 22,99 Euro.

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