Stranger in the Night: Jörg Fauser singt den Großstadt-Blues

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Großstädte sind nicht jedermanns Sache – aber Jörg Fauser gehörte zu denen, die sich dort wohlfühlten. Allerdings: Das Gebäude auf unserem Foto stammt ganz und gar nicht aus seiner Zeit. Hätte es ihm gefallen? Foto: Bücheratlas

Jörg Fauser (1944-1987) wird mit der neuen Werkausgabe des Diogenes-Verlags eine großartige Bühne geboten. Das hat sich schon im Sommer bei der Herausgabe seiner Romane „Das Schlangenmaul“ und „Rohstoff“ gezeigt und wird nun mit der Kolumnen-Sammlung „Caliban Berlin“ und vor allem mit der Lyrik-Edition „Ich habe große Städte gesehen“ herausragend bestätigt. Denn erstmals liegen damit, so schreibt es Björn Kuhligk in seinem Vorwort, sämtliche Gedichte des 1987 tödlich verunglückten Fauser vor. Eines Außenseiters des Literaturbetriebs, dessen Texte noch heute vor Lebensintensität strotzen. Allerdings ist Moll und nicht Dur die vorherrschende Tonart. Da gibt es „ein Gefühl, als hättest du/ alles versäumt“.

Nicht die Natur, sagt Kuhligk, habe Fauser interessiert, sondern die Metropolen seien es gewesen. Das City-Life. So steht es geschrieben im titelgebenden Gedicht: „Berlin, Paris, New York,/ eine Straßenecke in Schöneberg/ erregt mich tiefer/ als der Schnee/ auf dem Mont Blanc/ oder die Wälder/ im Untertaunus“. „Stranger in the Night“, bekennt das lyrische Ich einmal, sei sein Lieblingslied.

Nicht selten sind es kleine Dramen, die hier in Gedichtform aufblühen. Über Liebe, Reisen, Stammtische, Drogen, Deutschland. Auch über den Blues nach der Niederlage des favorisierten Fußballklubs in einer unteren Liga, mit dem man unmittelbar nach Schlusspfiff nie mehr etwas zu tun haben will – und dem man trotzdem beim nächsten Heimspiel abermals die Aufwartung macht.

Fausers Verse sind voller Witz und Melancholie. Dicht dran am eigenen Leben. Nichts Verstiegenes, nichts Verrätseltes. Seine Ansichten, Empfindungen und Beobachtungen sind immer der Allgemeinverständlichkeit verbunden. Lakonisch und ironisch, rau und romantisch. Und in fast jedem Gedicht, merkt Kuhligk an, gibt es „mindestens ein alkoholisches Getränk.“

Schließlich fragt Kuhligk, warum es keinen Literaturpreis gebe, der Fausers Namen trage. „Einen Preis, mit dem Literatur ausgezeichnet wird, die bei denen ist, die unten sind? Für eine Literatur, die sich nicht scheut, die merkwürdige Unterscheidung zwischen ernsthafter und unterhaltsamer Literatur in die deutsche Biotonne zu treten?“ Es sei Zeit dafür, schreibt er. Und die Werkausgabe unterstreicht diese Forderung eindrucksvoll.

Martin Oehlen

Einen Jörg-Fauser-Abend mit Christof Hamann, Gerd Köster und Marcus Müntefering gibt es im Rahmen der Crime Cologne am 25. September 2019 um 19.30 Uhr in Köln  im Subway, Aachener Straße 82. Da geht es dann vor allem um den Kriminalroman „Das Schlangenmaul“.

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Jörg Fauser: „Ich habe große Städte gesehen“, Diogenes, 352 Seiten, 24 Euro.

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