Nora Bossong erzählt in „Schutzzone“ eindrucksvoll vom Scheitern in Politik und Liebe

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„Aber die Menschen sind ja trotzdem da!“ heißt es einmal in Nora Bossongs Roman. Der handelt auch von Ruanda, wo diese Aufnahme entstanden ist. Foto: Bücheratlas

Nichts ist im Lot – nicht unter den Diplomaten und nicht unter den Liebenden.  Nora Bossong widmet sich in ihrem Roman „Schutzzone“ dem Politischen und dem Privaten, und man weiß nicht, auf welchem Feld es spannender zuginge. Der Autorin gelingt es vorzüglich, beides miteinander zu verbinden. Zum einen: Miras Frustration über das immer wieder aufs neue zu konstatierende Scheitern der Vereinten Nationen, die Krisenherde der Welt einzudämmen, von befrieden ganz zu schweigen. Zum anderen: Miras Liebe zu Milan, den sie als Kind in der Nähe von Bonn kennenlernte, als er ihr wie ein Bruder war, und den sie eines Tages in Genf im Rahmen ihrer Arbeit für die UN wiedersieht. Doch da ist er Ehemann und Vater.

Nicht chronologisch, sondern immer wieder vor- und zurückschreitend in Raum und Zeit, breitet Nora Bossong ihre Geschichte aus. Sie tut dies mit einer heiß-kühlen Sprachkraft, die immer wieder die Lyrikerin durchscheinen lässt, die sie auch ist (und die zuletzt den Band „Kreuzzug mit Hund“ veröffentlicht hat). Mit Mira sind wir unterwegs in Genf, in dieser „unerträglichen Präzision eines Weltkaffs“,  und in New York, in Burundi und auf Zypern, in Ruanda und auch beim Strafgerichtshof in Den Haag, wo Milan arbeitet. „Zu viele Konflikte, zu viele Kosten“, sagt er. „Wir sehen dabei zu, wie dieses schöne Projekt namens UNO zu Ende geht.“ Aber aufgeben? „Ich glaube, für manches gibt es keine Lösung“, sagt ein UN-Mitarbeiter im afrikanischen Bujumburra  zu Mira. „Aber die Menschen sind ja trotzdem da.“

Vieles gelingt Nora Bossong vorzüglich in ihrem melancholischen Politik-und-Liebe-Roman. Die Zweifel und Selbstzweifel der Protagonistin,  ihr Gefühl der Fremdheit in der Welt, das Porträt einer Kindheit mit einem kriselnden Elternpaar, die Unabweisbarkeit einer offenbar unmöglichen Liebe, die lähmende Schneckenhaftigkeit der diplomatischen Annäherungen, die Kluft zwischen Hilfsbereitschaft und Hilflosigkeit, zwischen dem Wahren und dem Falschen – das zeichnet die Autorin unaufdringlich auf, ohne Pathos, aber mit einer  coolen Inbrunst. Ein atmosphärisch stark verdichteter Roman liegt hier vor. Gerne hätte man noch mehr erfahren über Miras Liebesbeziehung zum hoch gebildeten Guerillakämpfer Aimé; und dafür hätte sie die Pfauen-Allegorie durchaus straffen können. Doch das sind keine Einwände, sondern nur Empfindungen.

Über Mira heißt es einmal, dass sie das Talent habe, die Leute zum Sprechen zu bringen. Nora Bossongs Talent ist es, eine Geschichte leuchten zu lassen.

Martin Oehlen

 

Lesungen mit Nora Bossong in

in Hohwacht an der Ostsee am 19. 9. 2019 um 19 Uhr im Hotel Genueser Schiff;

in Frankfurt am 24. 9. 2019 um 20 Uhr in der Romanfabrik;

in Wiesbaden am 25. 9. 2019 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Villa Clementine;

in Köln am 26. 9. 2019 um 20.30 Uhr im Stadtgarten.

Zahlreiche weitere Lesungen folgen im Oktober und November.

Nora Bossong: „Schutzzone“, Suhrkamp, 332 Seiten, 24 Euro.

Bossong

 

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