Jo Nesbø stürzt Harry Hole in einen Strudel der Angst

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Genau, „Messer“ ist der Titel des neuen Romans des norwegischen Krimi-Stars. Foto: Bücheratlas

Die Abstürze des Harry Hole sind legendär. So überrascht es nicht, dass Ehefrau Rakel den Alkoholiker und Ex-Junkie eines Tages vor die Tür setzt. Was genau sie zu diesem drastischen Schritt bewogen hat, bleibt allerdings lange im Dunkel. Seitdem säuft sich Hole durch die Nächte. Sein Job als Dozent an der Polizeischule ist Vergangenheit. Bei der Osloer Kriminalpolizei spielen der ehemalige Starermittler und sein untrügliches „Bauchgefühl“ schon lange keine Rolle mehr. Harry Hole ist am Ende. Sein Versuch, ein bürgerliches Leben zu führen, scheint endgültig gescheitert.

Doch es soll noch schlimmer kommen. Rakel, die Liebe seines Lebens, wird erstochen in ihrem Haus aufgefunden. Die Türen des einbruchssicheren Gebäudes sind von innen verschlossen. Es finden sich weder Kampf- noch Einbruchsspuren. Hat Hole im Suff zugestochen, weil Rakel ihn verlassen hat? Daran erinnern kann er sich zwar nicht, aber was heißt das schon. „Jeder kann zum Mörder werden.“

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbø stürzt seinen Protagonisten in „Messer“ in einen Strudel aus Angst, Verzweiflung und Aufbegehren, aus dem er kaum mehr herausfindet. Der Roman ist der zwölfte Band der Harry-Hole-Krimireihe. Die Erfolgsserie startete 1997 mit „Der Fledermausmann“ und hat dem Diplomkaufmann und Musiker Nesbø – der ein wenig so aussieht, wie man sich seinen hageren Protagonisten vorstellt – Auflagen in Millionenhöhe eingebracht. Die Bücher zeichnet sich durch eine komplexe Handlung, viel Spannung und einen ordentlichen Cliffhanger am Ende aus. „Messer“ macht da keine Ausnahme.

Als Familienangehöriger vom Dienst suspendiert, beginnt Hole auf eigene Faust und mit Hilfe einiger weniger Getreuen zu ermitteln, ein Szenario, das Nesbo-Fans nicht fremd sein dürfte. Holes Lieblingsverdächtiger: Sven Finne, ein notorischer Vergewaltiger und Mörder, dessen kriminellen Sohn er kürzlich getötet hat. „Messer“ knüpft damit nahtlos an den Vorgängerband „Durst“ an. Ebenso wie Hole ist der Leser schnell überzeugt, dass der alte Mann mit den schmutzig-kruden „Befruchtungstheorien“ der Mörder von Rakel sein muss, und fast möchte man das Buch nach den ersten 100 Seiten ein wenig gelangweilt beiseitelegen. Alles klar, was bitteschön soll jetzt noch kommen?

In der Tat braucht Nesbø überraschend viel Zeit, ehe die Handlung Fahrt aufnimmt. Statt auf Tempo zu setzen, spinnt der Autor ein Netz aus Nebenhandlungen und falschen Fährten. Finne, so viel sei verraten, kommt als Täter nicht in Frage. Also sucht Hole weiter und stößt auf gleich mehrere Verdächtige, die ein Motiv gehabt haben könnten, Rakel zu töten. Geduldig arbeitet er die Liste ab, bis nur noch einer übrig bleibt.

Das liest sich mitunter ein wenig langatmig, und manche Wendung in diesem emotional aufgeladenen Fall kommt recht überraschend. Erst gegen Ende des Buches offenbart sich, was für ein versierter und weitblickender Schreiber Nesbø ist. Auf einmal laufen alle Fäden zusammen, scheinbare Nebenfiguren entpuppen sich als entscheidend für die Lösung des Falls. Die wiederum ist so erschreckend, dass man es Hole nachtun und erst einmal einen Schnaps kippen möchte.

Auch dieses Mal lässt Nesbø seine Leser darüber im Unklaren, ob Hole weitermachen oder endgültig in irgendeiner asiatischen Drogenhölle abtauchen wird. Vermutlich wird ersteres der Fall sein. Was keine schlechte Lösung wäre, denn der Meister der kleinen Andeutungen ist und bleibt einer der besten Krimiautoren Norwegens.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Jo Nesbø: „Messer“, dt. von Günther Frauenlob, Ullstein, 576 Seiten, 24 Euro. E-Book 18,99 Euro.

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