Brigitte Kronauers funkelndes Vermächtnis: „Das Schöne, Schäbige und Schwankende“

IMG_3333 (3)

Brigitte Kronauer erzählt in ihren „Romangeschichten“ von Lebensschicksalen in schier atemberaubender Fülle. Foto: Bücheratlas

Es sind Vögel im Haus. Schwarzspecht, Ringeltaube, Adler, Tannenhäher, Kolibri, Feuerkopfschopf, Dompfaff, Helmkasuar und viele mehr. Die Schriftstellerin Charlotte, die sich für ihr neues Buchprojekt „Glamouröse Handlungen“ in das abgelegene Anwesen eines Ornithologen zurückgezogen hat, wird beim Betrachten all des Geflügels auf den Schautafeln auf die Menschen verwiesen. So wie der Vogelkundler die Arten studiert, so studiert die Autorin die Individuen. Sie entdeckt in ihnen „das Schöne, Schäbige und Schwankende“. Genau davon handeln sämtliche „Romangeschichten“ von Brigitte Kronauer, die jetzt, kurz nach dem Tod der Autorin am 22. Juli, veröffentlicht werden. Ein literarisches Ereignis.

Als Brigitte Kronauer vor 30 Jahren der Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln verliehen wurde, lobte die Jury (mit den Fachjuroren Hans Bender, Karl-Otto Conrady, Lew Kopelew und Heinrich Vormweg) ein „erzählerisches Werk, das kunstvoll und realitätsbewusst den Alltag, das ganz normale Leben heute in seinen Abhängigkeiten und zugleich mit den Wünschen und Träumen der Leute, ihre Hoffnungen auf Selbstverwirklichung ganz neu, auf elementare Weise demokratisch anschaulich macht.“ Diesem „ganz normalen Leben“ ist Kronauer treu geblieben bis in dieses neue, fast 600 Seiten starke Werk.

Eröffnet wird die Prosa-Sammlung mit dem Selbstgespräch einer Autorin, die sich zum Schreiben zurückgezogen hat. Autobiographische Akzente sind bei ihren poetologischen Einlassungen nicht ausgeschlossen: „Solange ich veröffentliche, hat man mir vorgeworfen, mal grob, mal mit sanftem Kopfschütteln, vom sogenannten Plot nichts zu verstehen.“ Im Klartext heiße das, man unterstelle ihr narrative Impotenz. Daher nun die Kampfansage für das nächste Buch: „Irgendwelche Leute sollten sich schwer wundern.“

Doch erst einmal folgt ein Feuerwerk aus 39 Kurzgeschichten. Da jagt ein Porträt das nächste, ein Plot den anderen. Zumeist handeln sie von Menschen, die so liebenswert wie bemitleidenswert erscheinen, weil sie das, wonach sie sich sehnen, kaum einmal zu packen kriegen. Das Schicksal schlägt aus wie es will. Das gilt für uns bislang unbekannt gebliebene Personen wie Rosa, die die Krähen füttert und dankbar ist fürs Zuhören während der Bahnfahrt. Das gilt zudem für historisch verbürgte Personen wie die Sängerin Rosita Serrano, die „chilenische Nachtigall“, die ihrer Popularität während der NS-Diktatur nachtrauert. Ganz anders der Konzertabend einer jungen Pianistin, bei der es sich womöglich um Cathy Krier handelt, die vor bescheidener Kulisse einen fulminanten Auftritt mit Wolfgang Rihms „Toccata cappriciosa“ hinlegt. Gewiss – Glück, Größe und Gelingen sind möglich.

Auf die Porträt-Serie folgen drei große Erzählungen. Erst einmal geht es wieder um die Autorin Charlotte, ihren Ehemann Paul und die Freundin Franziska: „Sonst bürste ich Dir die Lippen blutig“. Dann folgen „Die Jahre mit Katja“: Als junge Bardame verstört Katja die Verwandtschaft, doch die Erzählerin ist ihr dankbar für „eine erste Anleitung in die Existenz als weibliches Wesen“. Schließlich handelt eine besonders anrührende Geschichte von Herrn Waldenburg, der sich im Alter von 92 Jahren für seine Haushaltshilfe und ihren kleinen Sohn begeistert. Der Literaturprofessor, der seine Arbeit liebte, sagt: „Heute will ich, wenn es hochkommt, nur noch drei bis vier, nein, sagen wir acht bis zehn Dichter lesen. Der Rest ist doch Hokuspokus, wenn man anfängt, ein schärferes Resümee zu ziehen.“

Was für all diese komplexen Menschengeschichten gilt: Kronauer wendet sich ihnen mit einem psychologischen Gespür der Extraklasse zu. Ihr Interesse ist enorm, die Verwinkelungen der Seelen zu erkunden. Keine Heiligenbilder werden hier entworfen, denn oft genug haben die, denen die sympathisierende Zuwendung gilt, einen mal kleineren oder größeren Makel. Ein sanfter Humor schimmert zuweilen auf, so bei einigen Spitzen gegen den Kulturbetrieb. Und ab und an ist vom Altern die Rede, nicht nur im Falle von Herrn Waldenburg, von nachlassender Kraft und der Bereitschaft, „meine Schlaffheit Krankheit“ zu nennen.

Jeder Mensch ist eine Sehnsucht – das bringt uns Brigitte Kronauer kunstvoll nahe. Begeisternd ist es zu erleben, wie nah die Autorin ihren Heldinnen und Helden kommt. Das Spiel mit den unterschiedlichen Erzählformen beherrscht sie virtuos. Und die Erwartungshaltung der Leser wird vielfach düpiert. Sie tut all dies mit einer Liebe zur Sprache, die selbstverständlich ist für jeden Schriftsteller, aber hier schönste Früchte trägt. Nicht prätentiös, sondern sorgsam gepflegt sind ihre Sätze.

Ihre Natur-, aber auch ihre Architekturbeschreibungen sind dezent exquisit: „Er wohnte in einem imitierten Ziegelhäuschen in tischebener Landschaft, bei dem man nach Durchfahren der Ortschaft den Eindruck hatte, es wäre das Mustermodell für sämtliche Behausungen dort. Rechtschaffen und äußerst schmucklos stand es stramm am Straßenrand. Wie bei allen Häusern der Umgebung grämte sich ein buntes Klettergerüst ohne Menschenseele im Vorgarten.“ Ja, es ist eine Prosa, die zum Schwärmen verleitet.

Vor 30 Jahren sagte Brigitte Kronauer bei der Böll-Preis-Verleihung in Köln, für einen Schriftsteller gelte es, „sich zu berufen nur auf die Verbindlichkeiten des eigenen Sensoriums, auf den eigenen künstlerischen Verstand“. Das freilich sei „kräftezehrend, eventuell ganz und gar vergeblich“. Von Vergeblichkeit freilich kann bei ihrem umfangreichen Werk nicht die Rede sein. Und gäbe es nur dieses eine Buch, das jetzt posthum erschienen ist, so müsste man sagen: Was für ein Glück, solche einen literarischen Schatz zu haben. Ein funkelndes Vermächtnis.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Brigitte Kronauer: „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“, Klett-Cotta, 596 Seiten, 26 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

Kronauer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s