Karina Sainz Borgo schildert ein Venezuela am Abgrund

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Der Roman erzählt, wie der Terror der Straße in die Mietshäuser von Caracas einzieht. Was hier zu sehen ist, ist selbstverständlich nur ein Symbolbild. Foto: Bücheratlas

Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, flüchten nicht nur aus Syrien oder Afrika, sondern auch aus Südamerika. Zumal aus Venezuela. Wer die Nachrichten verfolgt, wird wissen, wie es um das Land unter der Herrschaft des Präsidenten Nicolás Maduro bestellt ist. Doch wer den Notstand des Landes wirklich mit allen Sinnen begreifen möchte, dem steht jetzt ein Roman zur Verfügung, dessen brennende Verzweiflung aus jeder Seite spricht: „Nacht in Caracas“ von Karina Sainz Borgo. Dabei handelt es sich um das Debüt einer Frau, die 1982 in der venezolanischen Hauptstadt geboren wurde und die das Land vor zwölf  Jahren zur Zeit des Hugo-Chávez-Sozialismus verlassen hat. Sie arbeitet heute als Journalistin in Madrid. Den Kontakt zur Heimat hat sie allerdings nicht abreißen lassen. Die letzte von sehr vielen Danksagungen am Ende ihres Romans richtet sie an „mein Land, ewig zerrissen.“

Es ist die Geschichte von Adelaida Falcón, von ihr selbst erzählt, eine Geschichte vom Überlebenskampf in einem Venezuela, das sich in kompletter Auflösung befindet – politisch, wirtschaftlich und moralisch. „Die Welt, wie ich sie kannte, zerbröckelte gerade“, sagt die Ich-Erzählerin. Es geht sofort mitten hinein in den Irrsinn. Da trägt Adelaida ihre Mutter zu Grabe, die ihre einzige Bezugsperson ist, und sie weiß nicht, wie lange es dauern mag, bis der Sarg von Räubern geöffnet sein wird. Um der Toten die Brille zu entwenden. Oder was auch immer. Selbst das Verweilen auf dem Friedhof ist eine gefährliche Situation. Der Mensch kommt in diesem „verrückt“ gewordenen Land vor allem als Opfer in Betracht.

Allenthalben dieses Klima aus Angst, Gefahr und Verlust. Dessen Produzenten sind Polizei und Militär und ihre paramilitärischen Helfershelfer. Die Kinder der Revolution, die Hijos de la Revolución, ziehen in Banden durch die Hauptstadt. Sie dienen sich der Staatsmacht an. Oder werden gezwungen wie Santiago, der Sohn einer Bekannten von Adelaida, den sie zufällig trifft und dem sie Unterschlupf gewährt. Die Sprache dieser Hijos ist die des Mordens, Folterns, Stehlens und Erpressens. Sie horten, was andere dringend benötigen: Nahrungsmittel vor allem. Kein Haus ist sicher. Kein Menschenleben. „Unsere Tage waren gezählt.“

So wird Adelaida kalt lächelnd aus ihrer eigenen Wohnung verjagt. In diesem Falle von einer „Marschallin“ und ihrem Frauen-Trupp. Doch Adelaida ist eine Kämpferin. Immerhin geht es um die Existenz, das nackte Überleben. Eindrucksvoll schildert Sainz Bongo diese Mischung aus Wut und Verzweiflung, die die Frau antreibt. Das Risiko, das sie auf sich nimmt, ist hoch. Und den Grenzen, die sie überschreitet, hätte sie sich in einem friedlichen Bürgerdasein niemals genähert. Adelaida war die Erste in der Familie, die einen Universitätsabschluss erlangte; als Lektorin arbeitete sie für einen Verlag; häufig sind die Verweise auf Bücher zu finden, die ihr wichtig sind, von Vargas Llosa, Garciá Márquez oder Thomas Bernhard. Nun dringt sie selbst in eine fremde Wohnung ein – und stößt auf eine tote Nachbarin. Mit der Energie ihres Selbsterhaltungstriebs bereitet sie nun einen Coup vor, der ihr den Weg nach Europa bahnen soll. Doch davon muss an dieser Stelle geschwiegen werden – denn Sainz Borgo weiß auch, wie man Spannung aufbaut.

In einem Essay über ihr Land, den der S. Fischer Verlag veröffentlicht hat, fügt Sainz Borgo ihrer Fiktion noch ein paar Fakten hinzu: „Seit 2014, dem Jahr, in dem Nicolás Maduro Oberstleutnant Hugo Chávez Frías ablöste, hat der Venezolaner im Durchschnitt elf Kilo an Gewicht verloren, und fast drei Millionen Bürger sind geflohen, weit, sehr weit weg von dem Ort, wo sie hingehören.“ Venezuela verspiele seine Zukunft, heißt es weiter. „Es findet der größte Abriss der Zivilgesellschaft statt“, schreibt sie, „den je ein Land erlebt hat.“ Diesen Superlativ muss man mit Blick auf Deutschlands nationalsozialistische Vergangenheit gewiss bestreiten. Aber die Autorin veranschaulicht mit ihrem Urteil die Dimension der Verwerfung.

Sainz Borgos Roman ist eine radikale Anklage. Die wird gehört werden. Denn „Nacht in Caracas“ wird in 22 Ländern erscheinen. Die Anklage zielt auf ein Venezuela, das außer Rand und Band geraten ist, auf eine Nation, die ihre Werte und ihren Gemeinsinn dem Mob opfert. Dabei ist gewiss, dass dieser Absturz auch andernorts vorstellbar ist. Überall dort, wo Menschen sind. So ist „Nacht in Caracas“ auch eine grelle Mahnung. Ein Roman wie eine Fackel.

Martin Oehlen

Karina Sainz Borgo: „Nacht in Caracas“, dt. von Susanne Lange, S. Fischer, 224 Seiten, 21 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

Sainz

 

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