Ocean Vuongs Romanheld Little Dog findet seinen Weg zwischen den Welten

Vietnam (2)

Besucher im Kriegsmuseum in Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam. Ausgestellt ist da allerlei Militärgerät aus dem amerikanisch-vietnamesischen Krieg. Aber in der Erinnerung bleibt vor allem das in Fotografien dokumentierte Leiden der Kriegsopfer haften. Foto: Bücheratlas

Wo ist mein Platz in der Welt? Dieser Vergewisserung in eigener Sache ist der Brief gewidmet, den der Erzähler in dem Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ verfasst. Er adressiert das Schreiben an seine „Ma“. Doch als Analphabetin wird sie ihn nicht lesen können. Und wohl nur deshalb kann „Little Dog“, wie er genannt wird, so offen von seiner Selbstfindung erzählen – in den USA, in der Familie, in seiner Sexualität. Dies am Rande: Gleicht man die Geschichte des Ich-Erzählers mit der des Autors Ocean Vuong ab, so sind einige autobiographische Parallelen in diesem kühnen, kraftvollen Debüt-Roman nicht zu übersehen.

Little Dog, der angeblich noch viele andere Namen trägt, ist das Kind einer vietnamesischen Mutter, die wiederum einen amerikanischen Vater hatte. Eines Tages ist diese Rose in Vietnam aufgebrochen und mit ihrer kleinen Familie in die USA gegangen. Mit der schizophren gewordenen Mutter Lan. Mit ihrem vietnamesischen Ehemann, der sich bald schon aus dem Staub macht. Und mit dem kleinen Sohn. Fremd wirkte das „gemischte“ Aussehen des Jungen in Vietnam, fremd dann auch in den USA.

Der Krieg, den die beiden Länder in Südostasien geführt haben, hat in der Mutter tiefe Spuren hinterlassen. Als der Sohn sie einmal mit einem „Bumm!“ erschrecken will, bricht sie zusammen. Jetzt schreibt er über den Jungen, der er war: „Ich wusste nicht, dass der Krieg immer noch in dir war, dass es überhaupt einen Krieg gegeben hatte, dass er, einmal hingelangt, nie mehr weggeht…“ Little Dog liebt seine Mutter, wenngleich sie ihn oft geschlagen hat, einmal auch hatte sie ihm eine Legokiste an den Kopf geworfen, „das Parkett blutgesprenkelt“. Posttraumatische Belastungsstörung, diagnostiziert der Erzähler.

Er könne ihr nun mitteilen, heißt es, „was du nie wissen wirst.“ Als Kind zog Little Dog einmal ein Kleid seiner Mutter an und wurde dabei von Mitschülern beobachtet. „Missgeburt, Homo, Tunte“ wurde er genannt. Als Jugendlicher dann die große Liebe – Trevor, ein amerikanischer Junge, in dessen Familie auch kein Frieden herrscht. Little Dog erfährt jetzt, was „Verlangen“ bedeutet. Drogen sind auch im Spiel. Das Glück mit Trevor währt eine Weile. Aber es endet jäh.

„Am Ende sind wir kurz grandios“ ist der erste Roman des Autors. Doch als Lyriker ist er bereits hervorgetreten. Und welch eine Sprachlust und Bilderfreude in Ocean Vuong stecken, wird auch in der deutschen Übersetzung von Anne-Kristin Mittag deutlich. Da hat ein Mann „einen gelben Schnurrbart wie eine Narbe aus Sonnenlicht“; Regen setzt ein, und „die Erde um die nackten Füße der Frau ist mit rotbraunen Anführungsstrichen gesprenkelt“; das „Auge des Mädchens füllt sich mit dem Hubschrauber im Himmel; ihr Gesicht ist ein herabgefallener Pfirsich.“ Manchmal ist das auch zuviel des Guten. Dann durchdringen die Metaphern den Text derart intensiv, dass sie einander pulverisieren.

Vuong lässt die Leser teilhaben an der Niederschrift, indem sein Ich-Erzähler auch einmal auf eine frühere Fassung verweist oder Ratslosigkeit eingesteht: „Ich setze den Teekessel auf und ändere meine Meinung, wenn ich das Wasser kochen höre.“ Schreiben hilft. Aber Schreiben löst nicht alle Rätsel: „Was ich meine, ist wohl, dass ich manchmal nicht weiß, was oder wer wir sind.“ Auch formal wird der Text einige Male aufgebrochen, verlässt die ruhige Erzählform und wechselt in ein Stakkato aus Miniaturen, verwebt unterschiedliche Ereignisebenen in kurzen Sätzen. Über mehrere Seiten hinweg zählt er auf, woran er sich alles erinnert. Ein Mantra zur eigenen Orientierung: „Ich erinnere mich…“

Gerne unternimmt Vuong Exkursionen in die Tierwelt. Zu Büffeln oder Makkakenaffen und was sie mit dem Menschen gemein haben könnten. Und am Anfang, aber dann auch gegen Ende des Romans ist von Schmetterlingen die Rede, genauer: von Monarchfaltern. „Eine einzige Nacht Frost kann eine ganze Generation auslöschen.“ steht da geschrieben. „Leben wird so zu einer Frage der Zeit, des richtigen Zeitpunkts.“ Wäre die Mutter ein solcher Monarchfalter, so ließe sich sagen, dass sie der Frost des Überlebenskampfes arg gebeutelt hat. Aber Little Dog, dafür spricht dieser Roman, ist auf einer guten Flugbahn.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Ocean Vuong: „Auf Erden sind wir kurz grandios“, dt. von Anne-Kristin Mittag, Hanser, 238 Seiten, 22 Euro.

Vuong

 

 

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