Die Gedichte des Isländers Sigurdur Pálsson

P1060679 (2)

P wie Pálsson – Hinweisschild auf Island.  Fotos: Bücheratlas

Das Wort „sólskin“  kommt einige Mal vor in den Gedichten des Isländers Sigurdur Pálsson. Das klingt auch in der deutschen Übersetzung positiv: „Sonnenschein“. Als Pálsson die Texte für den Band „Gedichte erinnern eine Stimme“ zu Papier brachte, wusste er wohl um den nahenden Tod. Dennoch sind seine Verse alles andere als bittere Klagen über die Vergänglichkeit. Im Gegenteil: Ihnen mutet zuweilen ein fröhlicher Trotz an, sich vom Tod nicht bange machen zu lassen. Einmal heißt es: „Ich habe keine Angst vor ihm/ er kommt wenn er kommt/ ‚Sei gegrüßt, wann immer du willst‘“. Gleichwohl – der Autor verliert sich nicht an die Blauäugigkeit. Die Schatten werden länger – das stellt er auch fest; und die Stimme des Lebens ist vor allem „weit hinten im Traum“ zu spüren.

Sigurdur Palsson, 1948 im Nordosten Islands geboren, ist am 19. September 2017 verstorben. Die Wertschätzung, die er auf der Insel erfuhr, ist groß. Für den Band „Gedichte erinnern eine Stimme“, 2016 im Original erschienen, hat er den vom isländischen Schriftstellerverband und der isländischen Nationalbibliothek erstmals verliehenen Poesiepreis „Maistern“ erhalten. Nun liegt dieser Band in einer schönen zweisprachigen Ausgabe im Elif-Verlag aus Nettetal vor. Für die Übersetzung sorgten der Isländer Jón Thor Gíslason und der Deutsche Wolfgang Schiffer, dessen Einsatz für die Wahrnehmung der isländischen Literatur in Deutschland so unermüdlich wie rühmenswert ist. Beide Übersetzer führen mit dieser Veröffentlichung ihre schon einige Male praktizierte Zusammenarbeit fort.

Ja, „sonnige Heiterkeit“ sei „die richtige Einstellung“, heißt es programmatisch im ersten Gedicht „Feuer und Schatten“. Ein Leben aus Wörtern und Träumen, sei es gewesen, lesen wir weiter. Und wenn wir die Verse autobiografisch nehmen dürfen, dann sind „Voltaire, Mozart, Nietzsche“ die einflussreichsten Lehrer des Lyrikers gewesen. Ein erstaunliches Kollegium.

Pálsson setzt nicht auf Experiment oder Rätselhaftigkeit. Seine Texte sind nahbar und kraftvoll.  Mit schönen Findungen wie dem „Alphabet des Feuers“. Dessen Buchstaben entstehen und verbrennen, lesen wir, entstehen aufs Neue und verbrennen abermals. Überhaupt feiert Pálsson die Buchstaben: Jeder von ihnen sei eine ganze Welt – „und jedes Wort ein Universum“. Das vorletzte Gedicht heißt „Weiße Nacht“: „Am Morgen liegt ein Blatt/ mit Buchstaben/ auf dem Tisch// Der, der am Tisch saß/ ist verschwunden“. Doch dieser Abschied soll nicht das Ende sein. Das letzte Gedicht trägt den Titel: „Liebe“.

Ein sorgfältig gestalteter Band ist das, der seinem Titel alle Ehre macht: „Gedichte erinnern eine Stimme“. Solcherart wird die Stimme von Sigurdur Pálsson nicht verstummen.

Martin Oehlen

Sigurdur Palsson: „Gedichte erinnern eine Stimme“, deutsch von Jón Thor Gíslasson und Wolfgang Schiffer, Elif Verlag, 130 Seiten, 20 Euro.

Palsson

Ein Gedanke zu “Die Gedichte des Isländers Sigurdur Pálsson

  1. Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Martin Oehlen, Literaturkritiker und ehemaliger Kulturchef des Kölner Stadtanzeigers, sagt über „Gedichte erinnern eine Stimme“, den vor wenigen Tagen im ELIF Verlag erschienenen Gedichtband aus Island:

    „Solcherart wird die Stimme von Sigurður Pálsson nicht verstummen.“

    Das Übersetzerteam Gíslason / Schiffer freut sich und dankt!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s