Heimkehr eines Maori – Köln gibt Toi moko zurück an Neuseeland

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In einem abgetrennten Raum des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln wurde die Übergabe-Zeremonie abgehalten. Fotos: Bücheratlas

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Der verhüllte Maori-Schädel am Ort der Zeremonie. Unter dem Tisch die Schneckentrompete, mit der die Feier begonnen wurde.

„Ich  kann die Verletzungen der Vergangenheit nicht ungeschehen machen.“ sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker beim Besuch einer neuseeländischen Delegation in Köln. Aber sie habe sich, ebenso wie der Rat der Stadt und die Mitarbeiter des Rautenstrauch-Joest-Museums, dafür eingesetzt, „Ihren tupuna, Ihren Vorfahren, aus der anonymen Sammlung hervorzuholen und ihm seine Menschenwürde zurückzugeben.“

Willy Foy, der erste Direktor des Völkerkunde-Museums, das mittlerweile den Untertitel „Kulturen der Welt“ trägt, hatte den Maori-Schädel  1908 von einem englischen Händler in London gekauft. Der wiederum hatte den sogenannten  Toi moko  bei   einem Kaufmann erworben. Doch wie er an diesen  tätowierten und mumifizierten Kopf gelangt war, ist nicht überliefert. Bekannt ist freilich, dass  vom späten 18. bis zum  20. Jahrhundert zahlreiche  „Haar-, Haut- und Gewebeproben, Mumien, Skelette und Schädel weltweit in Museen und universitäre Sammlungen“ gelangt sind, wie es in einer Mitteilung der Stadt Köln heißt.

Die ersten tätowierten Maori-Schädel, oft von bedeutenden Personen, tauchten 1771 in  Europa auf.  Sie wurden hier bald zu begehrten Sammler-Objekten; und auf den fernen Inseln im Pazifik dienten sie dazu, um Waffen einzutauschen.  Das hatte zur Folge, dass  einige Maori, so heißt es in den Erläuterungen des Kölner Museums,  auch Sklaven tätowieren ließen: „Sammler suchten sich Tätowierungen lebender Sklaven aus und vergaben »Auftragsarbeiten«. Überfälle auf besonders tätowierte Personen häuften sich.“

Der abscheuliche Handel ist dann 1831 offiziell beendet worden. Doch auch in der Folgezeit waren einige Köpfe noch „auf dem Markt“. Erst im Laufe der vergangenen Jahre wurden die Stimmen lauter, die auf Rückgabe der sterblichen Überreste an die Herkunftsländer drängen. Dass es ethisch unakzeptabel ist, Körperteile von Verstorbenen   zur Schau zu stellen, wird mehr und mehr akzeptiert.

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Unterzeichnung der Übergabe-Dokumente  mit der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (zweite von rechts), den Stammesältesten Tamahou und Hema Temara sowie Te Herekiekie Herewini, dem Hauptbeauftragten für die Repatriierung beim Museum oft New Zealand Te Papa Tongarewa in  der Hauptstadt Wellington. 

In einer feierlichen Zeremonie wurde   der Kölner Toi moko  an das neuseeländische Museum  Te Papa Tongarewa in Wellington überreicht, das für solche Rückführungen zuständig ist.  Oberbürgermeisterin Reker bedankte sich im Namen der Stadt Köln, dass die Delegation die weite Anreise auf sich genommen habe, um den Angehörigen nach Hause zurückzuführen. „Sie haben uns die Möglichkeit gegeben, das Unrecht, das unsere Vorfahren Ihren Vorfahren angetan haben, wieder gut zu machen.“ Reker bat im Namen aller Anwesenden um Entschuldigung für die erlittenen Schmerzen und die Unterdrückung, die die Kolonialpolitik im 19. Jahrhundert  verursacht habe. Aus heutiger Sicht sei dies nicht mehr nachvollziehbar: „In einer globalisierten Welt können wir nur friedlich zusammen leben, wenn wir uns achten und gemeinsam für eine gute Zukunft unserer Kinder einstehen.“

Die Übergabe verlief nach einem strengen Protokoll.  Mit dem   Ruf der „putatara“, einer Schneckentrompete, und einem „Karanga“, einer Anrufung des Toi moko, wurden die Teilnehmer der Zeremonie hereingebeten. Diese waren zuvor informiert worden, dass das Tragen von „Kleidung in dunklen gedeckten Farben wie bei einer förmlichen Beisetzung“ erwünscht sei. Vor der Unterzeichnung der „Transferdokumente“ wurde dann noch ein „Himene“ angestimmt, ein  spiritueller Gesang, der unterstützt wurde von der zufällig durch Deutschland tourenden neuseeländischen Gruppe „Maori Waiata Swing“.  Auf diese Weise sollte dem Verstorbenen mitgeteilt werden, dass nun seine Angehörigen gekommen seien, um ihn heimzuholen. Besiegelt wurde der Festakt mit einem „hongi“,  dem Aneinanderpressen der Nasen. Optional – so hieß es vorneweg in der Einladung – hatten die Teilnehmer anschließend die Gelegenheit zum „Wai whakanoa“, zum Benetzen ihrer Gesichter mit Wasser.

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Vorbereitung zur Heimreise: Der verhüllte Maori Schädel umgeben von Museumsdirektor Klaus Schneider, dem Repatriierungs-Koordinator Te Arikirangi Mamaku und dem Stammesältesten Tamahou Temara (von links).

Dass es sich hier um einen besonderen Akt der Würde und des Respekts handelte, wurde auch dadurch deutlich gemacht, dass im offiziellen Teil Fragen der Journalisten nur an die Delegation aus Neuseeland möglich waren – so war es deren ausdrücklicher Wunsch gewesen. Dabei zeigten sich die vier Vertreter sehr dankbar für die Kölner Zustimmung zur Rückgabe. Und es wurde die Hoffnung formuliert, dass dieses Beispiel andere Museen und Einrichtungen ermutige.  Mittlerweile seien insgesamt 450 Ahnen heimgeführt worden, zuletzt 40 aus Bremen, sagte Te Herekiekie Herewini, zuständig für die Repatriierung.   Weitere 600 verstorbene Personen stehen noch auf der Liste. Vor allem in Großbritannien sind diese zu finden (und das British Museum, so hieß es aus deutschen Kreisen am Rande, verweigere sich bislang  der Kooperation).

In Deutschland sind es den Angaben zufolge noch 150 Personen, die zurückgeholt werden sollen.  Im Depot des Rautenstrauch-Joest-Museum selbst gibt es im Übrigen noch  viele weitere Gebeine und Schädel, allerdings aus Regionen wie etwa Papua-Neuguinea, wo kein Interesse an einer Rückführung zu erkennen sei.  Gäbe es da Begehrlichkeiten, so sagte es Henriette Reker am Rande,  würde Köln sicher  sehr wohlwollend reagieren.

Der Kölner Maori-Schädel wird im Museum zu Wellington erst einmal in einem Raum der Stille untergebracht. Dann soll er seiner Familie zugeführt werden, die man aus der Tätowierung erschließen könne, welche eine Art Biografie in Zeichen sei, wie der Stammesälteste Tamahou Temara sagte. Eine Heimreise nach über 100 Jahren. Die Stammesälteste Hema Temara berichtete dann noch, dass sie in einen spirituellen Kontakt mit dem Ahnen getreten sei. Sie könne ihn hören und sehen. Und sie habe zu ihm gesagt: „Let’s go!“

Martin Oehlen

 

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Am Ende der Zeremonie wurde zum „Wai whakanoa“ gebeten: den Teilnehmern wurde die Gelegenheit geboten, ihr Gesicht mit Wasser zu benetzen.

https://www.ksta.de/kultur/rautenstrauch-joest-museum-koeln-gibt-maori-schaedel-an-neuseeland-zurueck-30689820

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