Der Schnaps, das Schweigen und die verschwundene Stina: Eva Björg Ägisdóttirs Island-Thriller „Home Before Dark“

Die Suche nach Stina steht im Mittelpunkt des spannenden Psychothrillers. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Seit vielen Jahren hat Marsibil Karvelsdóttir denselben Traum. Ihre Mutter schrubbt sie mit einem Waschlappen ab, bis ihre Haut krebsrot ist, und murmelt dabei: „Du musst sauber sein.“ Dann fährt Marsibil schweißgebadet aus dem Bett hoch und spürt in ihrer Kehle ein Knäuel schwarzer Haare, die sie sich selbst ausgerissen hat. Zehn Jahre sind vergangen, seit ihre Schwester Stina eines Abends spurlos verschwand. Zehn Jahre, in denen ihr eigenes Leben mehr und mehr aus der Spur geriet.

Heimkehr am Jahrestag

Was ein solcher Schicksalsschlag mit einer Familie macht, das erzählt Eva Björg Aegisdóttir eindrucksvoll in ihrem Psychothriller „Home Before Dark“. Die 1988 in Akranes im Nordwesten Islands geborene Autorin wurde mit einer Reihe von Islandkrimis um die eigenwillige Kommissarin Elma Jónsdóttir bekannt. Den fünften und bislang letzten Band der Reihe, „Verschwören“, haben wir HIER vorgestellt.

Am Jahrestag von Stinas Verschwinden fährt Marsibil zu ihren Eltern nach Nátthagi. Auch an diesem 17. November 1977 wird die Familie abends zusammensitzen, zu viel Schnaps trinken und gemeinsam schweigen. „Eine Art Familientradition.“ Noch immer weiß man nicht, was Stina in jener Nacht vor zehn Jahren zugestoßen ist – ein Umstand, der Marsibil mehr und mehr umtreibt.

„Nur ein paar Worte entfernt“

Zumal sie wenige Tage zuvor Post von einem geheimnisvollen Brieffreund bekommen hat, den sie des Mordes an ihrer Schwester verdächtigt. „Ich dachte, ich sollte dir schreiben, damit du siehst, dass ich noch da bin, nur ein paar Worte entfernt, wenn du mich brauchst“, heißt es darin. Will ihr der Unbekannte drohen? Soll sie womöglich sein zweites Opfer werden? Gegen den Rat ihrer Eltern beginnt Marsibil nachzuforschen, was damals wohl geschehen ist, und stößt dabei auf zahlreiche Ungereimtheiten.

Geschickt schafft es Eva Björg Aegisdóttir, eine Atmosphäre latenter Bedrohung zu erzeugen, in der jede und jeder verdächtig scheint. Mehrere Rückblenden aus der Sicht der verschwundenen Stina tragen zur allgemeinen Verunsicherung bei und führen die Leserinnen und Leser dieses spannenden Thrillers gehörig in die Irre. Ein Rätsel allerdings bleibt, warum sich der Verlag bei der deutschen Übersetzung eines isländischen Buches für einen englischen Titel entschieden hat.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir Eva Björg Aegisdóttirs Kriminalroman „Verschwören“ HIER vorgestellt

Eva Björg Aegisdóttir: „Home Before Dark“, dt. von Freyja Melsted, Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

     

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