
Heinrich Böll antwortete nicht. Dabei hatte Andreas Fischer aus Troisdorf dem Nobelpreisträger aus dem benachbarten Köln doch einen so freundlichen Brief geschrieben. Der 18-Jährige, der von einer Zukunft als Autor träumt, wollte 1979 von Böll wissen, was der von den beigefügten Kurzgeschichten halte. Immerhin war Böll für Fischer der damals „berühmteste lebende Schriftsteller unseres Landes“. Sein Wort hätte also Gewicht gehabt. Doch statt einer Einschätzung gab es ein Paket des Verlags. Darin enthalten ein Schuber mit drei Erzählbänden von Böll. Auch nicht schlecht. Aber Andreas Fischer war enttäuscht: „Ich mag sie nicht und lese auch nicht darin.“ Viele Jahre später wird er die Bücher sogar in die Altpapiertonne werfen.
Fuß gefasst
Die Enttäuschung hielt ihn allerdings nicht davon ab, sein Ziel weiter zu verfolgen. Was er auf diesem Weg erlebte, schildert er nun in seiner Erzählung „Böll kam nicht bis Troisdorf“. Dabei handelt es sich um die tragikomische Geschichte einer Dichter-Werdung. Denn das steht mittlerweile fest: Andreas Fischer, der eine Karriere als Dokumentarfilmer und Lehrbeauftragter in Köln und Berlin vorweisen kann, hat auf dem Buchmarkt Fuß gefasst. Vor vier Jahren veröffentlichte er im eigenen Verlag seine Kindheitserinnerungen „Die Königin von Troisdorf – Wie der Endsieg ausblieb“. In dieser Familiengeschichte, die mit NS-Säure im Hirn und Schnaps im Blut getränkt ist, sagt der Erzähler als Einzelkind: „Ich will Schriftsteller werden.“
Die Struktur dieses Debüts findet sich in dem nun deutlich schmaleren Band über die frühen Jahre wieder. Die kurzen Kapitel wechseln immerzu die Zeiten und sind zur besseren Orientierung mit Jahreszahl und Altersangabe versehen: „1975. Troisdorf. Ich bin 14 Jahre alt.“ Es ist dieser leicht lakonische Kick, der die Zeitkapseln so sympathisch macht. Im Mittelpunkt: Andreas Fischer, der ziemlich sicher recht viel mit dem Autor Andreas Fischer gemein hat.
Frieder Salzgraf wird übergriffig
Es ist ein historischer Tag im Leben des Helden, als ein (damals) leidlich bekannter Lyriker einen Schreibkurs an der VHS in Troisdorf beginnt. Die an Klarnamen reiche Erzählung verwendet in diesem Falle ein Pseudonym. Mit gutem Grund. Denn dieser Frieder Salzgraf, mit dem sich unser Erzähler anfreundet, hat einige unangenehme Charakterzüge. Das fängt schon damit an, dass er Andreas immer nur als „seinen“ Schüler vorstellt, als wäre er selbst ein Alter Meister. Auch fordert er mehr oder minder direkt allerlei Hilfsdienste ein: Andreas chauffiert ihn zu Lesungen und entsorgt unauffällig das Leergut des Alkoholikers. Trotzdem gibt es Beschimpfungen und Demütigungen.
Alle Hybris und Eifersucht nimmt Andreas Fischer hin, als neigte er zum Märtyrertum. Psychologen wüssten hier womöglich von bannender Verehrung zu reden, gar von der Suche nach einem Vater, Vorbild, Anker. Aber dann der Bruch: Als der Mentor sexuell übergriffig wird, ist es mit der einseitigen Freundschaft vorbei.
„Das Mammut hinten in der Schlucht“
Keine Bange: Andreas Fischer kapriziert sich nicht auf eine düstere Missbrauchs-Geschichte. Vielmehr ist „Böll kam nicht bis Troisdorf“ vor allem kurzweilig, etwas melancholisch und zuweilen urkomisch. Schon die Vorstellung der Literaturkurs-Teilnehmer ist famos. Till arbeitet in einem Versicherungsbüro und schreibt über skurrile Schadensfälle, weshalb er bald den Spitznamen „Kafka“ trägt. Nana verfasst düstere Märchen und erholt sich auf diese Weise von der Arbeit in einer Großgärtnerei. Und Gunther reimt gegen den Autoverkehr: „getroffen von der Motorhaube hilft dem onkel auch kein glaube / in tantchens kopf die scheibe steckt / ihr finger sich gen himmel reckt“.
Andreas selbst trägt eine Kurzgeschichte vor, in deren Zentrum ein „empfindsamer Erzähler“ steht. Salzgraf ist begeistert. Es gebe nichts Spannenderes, meint er, als einem Menschen zu lauschen, der ehrlich von sich selbst spreche. Das sitze tief in uns: „Da sind wir wieder Höhlenmenschen. Wir versammeln uns um ein Lagerfeuer und hören zu, wenn der Kollege erzählt, wie er das fette Mammut hinten in der Schlucht erlegt hat.“ Andreas ist beeindruckt: „Wow. So habe ich das nie gesehen.“
„Weniger ist mehr“
Freilich lernt er in diesem Kurs auch noch ein paar praktische Tipps. Einer davon: „Weniger ist mehr.“ Jedes Wort müsse daraufhin abgeklopft werden, ob es möglicherweise überflüssig sei. Das scheint sich Andreas Fischer zu Herzen genommen zu haben. Tatsächlich ist „Böll kam nicht bis Troisdorf“ an keiner Stelle aufgeblasen oder überladen.
Minimale Ungenauigkeiten stören überhaupt nicht, sondern erfreuen nur den Erbsenzähler im Kritiker – geschenkt also, dass das Kölner Museum Ludwig hier schon 1980 geöffnet hat und die Walser-Novelle nicht „Das fliehende Pferd“ heißt. Und dass Heinrich Böll durchaus einmal nach Troisdorf gekommen ist, stellt der Autor selbst im Anhang klar. So geschehen am 2. April 1962. Allerdings ziele sein Titel, lesen wir, „auf die Zeit von 1979 bis 1981, in der diese Erzählung spielt.“
„Russischer Hackfleischtopf“
Es ist eine nonchalante Collage aus unterschiedlichen Textsorten. Darunter einige frühe Werke des Autors, Gedichte und Kurzgeschichten, zudem eine Hommage auf den Fernsehjournalisten Wolfgang Korruhn und ein Rezept für „Russischen Hackfleischtopf“ (für vier Personen).
All das fügt sich zu einer Revue der frühen Jahre, die bestens unterhält. Applaus!
Martin Oehlen
Andreas Fischer: „Böll kam nicht bis Troisdorf“, eschen 4 verlag, 160 Seiten, 17,50 Euro.
