
Schlaflos in Los Angeles! Das ist das Problem von Curtis Melnitz. Der 80-Jährige, der eine Karriere als Filmproduzent hinter sich hat, wird von Alpträumen geplagt. Die kann er nur im Zaun halten, wenn er eine Schlaftablette nimmt. Ohne geht es nicht mehr. Doch eines Tages im Jahr 1959 macht sein Hausarzt nicht mehr mit. Er verweist den Patienten an einen Psychiater. Curtis Melnitz ist ganz und gar nicht begeistert. Aber er fügt sich.
„Operieren ohne Narkose“
Dieser Dr. Cowan dosiert die Medizin sehr genau. Denn er weiß ja, dass sein neuer Patient süchtig danach ist. Auch bittet er ihn jedes Mal, sich auf die Couch zu legen und in sich zu gehen. Erst danach rückt er die Schlaftablette heraus. Sitzung für Sitzung geht das so.
Curtis Melnitz lässt sich darauf zunächst nur widerwillig ein, spricht gar von Voodoo-Veranstaltungen, mit denen er nichts anfangen könne. Was der „Seelenbohrer“ mit ihm treibe, sei „Operieren ohne Narkose“. Zumal die eine oder andere „Eiterbeule“ angestochen wird. Doch je mehr Erinnerungen zur Sprache kommen, desto leichter wird es ihm ums Herz. Ja, gegen Ende der Behandlung ist er gar begierig darauf, sich auf die Couch zu legen.
Pressesprecher von Charly Chaplin
Diesen Curtis Melnitz hat es tatsächlich gegeben. Kurt Chmelnitzki, wie er zunächst hieß, wurde 1879 in Leipzig geboren und ist 1962 in Los Angeles gestorben. Er zog zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach New York, arbeitete in Hollywood als Pressereferent für Charly Chaplin, war Vertreter von United Artists in Europa und produzierte in den 1930er Jahren einige Filme. Vor den Nazis floh er 1938 zurück in die USA.
Sein Neffe William W. Melnitz, der als Wilhelm Wolf Chmelnitzky in Köln geboren wurde, machte zunächst als Theaterregisseur Karriere, später auch als Professor für Theaterwissenschaft in den USA, wohin er 1939 emigriert war. Auch von ihm ist in dem Roman „Eine andere Geschichte“ die Rede – wenn auch nur beiläufig.
„Hier wird es für Juden ganz schlimm“
Charles Lewinsky ist mit Curtis Melnitz verwandt. Um ein paar Ecken. Seine Großmutter habe ihm berichtet, schreibt der Schweizer Schriftsteller im Vorwort zu seinem Roman „Eine andere Geschichte“, dass dieser Curtis Melnitz vor dem Zweiten Weltkrieg bei ihr in Leipzig vorgefahren sein. Mit zwei Autos – in dem einen er, in dem anderen seine Sekretärin. Er habe gesagt: „Verschwindet aus Deutschland, hier wird es für Juden ganz schlimm.“
Charles Lewinsky, der am 14. April 80 Jahre alt geworden ist, hat schon einmal auf dieses Verwandtschaftsverhältnis reagiert. Vor 20 Jahren hat er seiner Saga einer jüdischen Familie in der Schweiz den Titel „Melnitz“ gegeben. Nun widmet er seinem entfernten Verwandten eine Nahaufnahme – und das ist tatsächlich eine andere Geschichte.
„Ich war kein anständiger Mensch“
Curtis Melnitz ist der einzige, der überhaupt zu Wort kommt. Sagt der Psychiater einmal etwas, dann erfahren wir dies nur aus der Reaktion des Patienten. Häufig bricht der Erzähler seine Rede abrupt ab, weil ihm so vieles durch den Kopf geht. Einerseits ist er bereit, für eine gute Geschichte zu flunkern, andererseits ist er recht selbstkritisch: „Ich war kein anständiger Mensch. Ich war Geschäftsmann.“
Alle Varianten des Humors sind ihm vertraut – vom Witz über die Ironie bis zum Sarkasmus. Er ist nie um eine Film-Assoziation verlegen, denn das Kino und das Leben sind bei ihm nicht zu trennen: „Ich habe schon Filme gedreht, da war das Kino noch gar nicht richtig erfunden.“ Stimmt – ein guter Sprücheklopfer ist er zudem: „Prinzipien sind etwas für Leute, die keine Fantasie haben.“ Nicht zuletzt beherrscht er die Philosophie des Alltags. So sei für ihn das ganze Leben ein Unfall. Es bestehe es lauter Zufällen und habe keinen tieferen Sinn. Gleichwohl hängt er schon daran, am Leben.
Geschichten von der Couch
Der Roman ist ein Monolog in fast 40 Sitzungen. Jedesmal gibt’s eine andere Geschichte. Das ist tragisch und heiter zugleich. Kurzweilig überdies. Mag sein, dass wir die Zentralgestalt auf diese Weise nicht gänzlich zu packen kriegen. Aber Charles Lewinsky entschädigt mit farbintensiven Episoden, die sein Markenzeichen sind. Die Fantasie des Autors ist auch deshalb gefragt, weil über das „wahre“ Leben des historisch verbürgten Curtis Melnitz nicht so viel bekannt ist.
Der Melnitz im Roman, so viel steht fest, hat einiges zu erzählen. Beruflich hat er vieles erlebt, was man im Filmgeschäft zwischen Berlin und Los Angeles, Ufa und Hollywood erleben konnte. Da mangelt es nicht an Anekdoten. Altherrenwitze sind ebenfalls darunter – wie der über Doris Day: „Ich habe sie schon gekannt, als sie noch keine Jungfrau war.“
Privat erlebte Curtis Melnitz Aufbrüche und Niederschläge zuhauf. Auch in seinen Beziehungen zu Frauen. Doch nichts grundiert sein Leben mehr als der Terror der NS-Herrschaft: „Es ist eine Scheißdramaturgie, wenn alle Drehbücher im KZ enden.“ Zum Schluss schildert er das größte Trauma aus der Zeit des Holocaust. Es ist sein ultimativer „Eiterbeulenmoment“.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Charles Lewinskys Romane „Der Halbbart“ (HIER) und „Sein Sohn“ (HIER) besprochen.
Charles Lewinsky: „Eine andere Geschichte“, Diogenes, 416 Seiten, 26 Euro. E-Book: 22,99 Euro.
