Japans Hauptstadt ist aus vielen sehr guten Gründen eine Reise wert. Hier erwähnen wir nur einige literarische Spuren, die uns bei einem Stopover in Tokio aufgefallen sind. In nur zwei Beiträgen. Zunächst geht es ins Bücherviertel, im zweiten Teil dann in Haruki Murakamis Bibliothek.

Das Lächeln von Jimbocho
Schon an der Metro-Haltestelle Jimbocho der Shinjuku-Linie werden die Fahrgäste eingestimmt. Beim Ausstieg aus der schicken Bahn fällt der Blick auf eine gekachelte Wand, die auf kompletter Bahnsteiglänge einem abstrakten Bücherregal gleicht. Und beim Verlassen der Station grüßt eine Wandmalerei, die hochhaushoch einen jungen und einen nicht mehr gar so jungen Leser zeigt. Zufrieden lächeln die beiden generationsübergreifend. Das muss mit dem Angebot ringsum zu tun haben. Das Viertel Jimbocho bietet weit über einhundert Buchhandlungen. Eine eigene Stadtteilkarte wird angeboten, auf der sie alle verzeichnet sind.
Die meisten davon widmen sich antiquarischen Büchern oder solchen aus zweiter Hand. Einige Läden sind streng und untersagen das Fotografieren. In einem Fall ist es nicht einmal erlaubt, die Handykamera zum Übersetzen der japanischen Schriftzeichen einzusetzen. Welche schlechten Erfahrungen mit der Kundschaft dahinterstecken, ist uns nicht bekannt. Und noch eine Frage, deren Beantwortung aussteht: Gibt es irgendwo auf der Welt ein Viertel mit einer höheren Buchhandlungs-Dichte als in Jimbocho?


Die U-Bahn-Haltestelle Jimbocho und die aktuelle Faltkarte mit allen Buchhandlungen des Viertels Fotos: Bücheratlas / M. Oe.
Büchercafés gibt es ebenfalls in diesem Quartier. Wir besuchen eines davon an der Hauptmeile. Volles Haus, junge Atmosphäre. Hier ist jede Menge los. Da wird mit Freund und Freundin geplaudert, ein Kuchen verzehrt, der Laptop bearbeitet, ein Buch gekauft. Und gelesen – siehe da – wird hier ebenfalls.
Der alte Mann und sein Saloon


Fensterblicke im „Saloon“ an der Prince-Dori-Avenue Fotos: Bücheratlas / M. Oe.
Von ganz anderer Lesecafé-Art ist der „Saloon“ an der Prince-Dori-Avenue, nicht weit vom Kaiserpalast entfernt. Es handelt sich um eine betagte Mischung aus Café, Wohnraum und Antiquariat. Ein herrlich abgewohntes Etablissement, dessen Besitzer eine Figur aus einem Haruki-Murakami-Roman sein könnte. Dafür sprechen auch die zwei Katzen-Silhouetten an der Wand. Der Mann, im fortgeschrittenen Alter tätig, malt erst einmal in aller Ruhe ein paar Bohnen und bringt uns dann die beiden Cappuccino.
Anschließend fischt er im Hinterzimmer, das wohl auch als Wohnraum dient, ein Buch aus dem obersten Regal. Er prüft es kurz, besprüht es mit Desinfektionsspray und wäscht anschließend die Schmutz- und Stockflecken ab. Sodann sortiert er das Werk unbekannter Art in ein Regal im Schankraum ein. Denn da hatte sich wohl gerade eine Lücke aufgetan. Was wir damit sagen wollen: Das literarische Angebot fürs Publikum ist wahrhaft handverlesen.
Martin Oehlen
Der zweite Teil
unseres literarischen Stopovers folgt schon in Kürze.
Auf diesem Blog
folgten wir zuletzt literarischen Spuren in Paris HIER („Von Victor Hugos Salon bis zur Buchhandlung im neunten Land“) und HIER („Von der ältesten Buchhandlung des Landes bis zum Literaturpreis mit Mayonnaise-Eiern“). Und zwar in dem Sechsteiler „Merci Paris“.