Das Flanieren geht weiter. Im zweiten Teil unserer Paris-Reihe – erinnert sich jemand daran? – haben wir mit der literarischen Spurensuche begonnen und eine Fortsetzung angekündigt. Die gibt es hier. Diesmal widmen wir uns einigen Bibliotheken, von denen nicht wenige wahre Tempel sind, und gehen anschließend ins Restaurant – ins Literatur-Restaurant, versteht sich.
***

Unterwegs auf knarzendem Parkett
Die „Bibliothèque Mazarine“, im 17. Jahrhundert entstanden auf Initiative von Kardinal Mazarin, gilt als älteste öffentliche Bibliothek des Landes. Sie befindet sich im nicht minder ehrwürdigen Institut de France, dem fünf Akademien angeschlossen sind, darunter die Académie Française. Die Bibliothek ist spezialisiert auf Bücher des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Während wir behutsam auf dem Parkett umherschleichen, das gleichwohl jeden Schritt knarzend meldet, sitzen die Nutzerinnen und Nutzer scheinbar ungerührt an ihren Lesetischen. Der Eintritt ist frei – und den Besucherausweis gibt es gegen Vorlage des Personalausweises. (23 quai de Conti)
Die „Bibliothèque Historique de la Ville de Paris“ kann mit der Pracht der berühmten Schwestern nicht mithalten, aber hat einen eigenen Charme, gerade weil sie nicht so groß ist. Die Bibliothek befindet sich im ehemaligen Hotel de Lamoignon, in dem Alphonse Daudet von 1867 bis 1876 gewohnt hat. Zu der Zeit ist die „Bibliothèque publique, wie sie seit ihrer Eröffnung 1763 hieß, einmal komplett abgebrannt – während der Tage der Commune am 24. Mai 1871. Im Foyer gibt es kleine Ausstellungen, und es empfiehlt sich ein Blick in den Lesesaal. (24 rue Pavée)

Zwischen Richelieu und Mitterand
Noch einmal Mazarin! Die alte „Bibliothèque Nationale de France (Richelieu)“ befindet sich in einem barocken Palais aus dem 17. Jahrhundert, in dem der Kardinal residierte. Die Lesesäle laden tatsächlich zum Lesen ein. Und das Bibliotheks-Museum ist eine Attraktion für sich. Es bietet griechische Antike, den sogenannten Thron des Dagobert aus karolingischer Zeit, Buchmalerei, eine frühe Übersetzung des „Werther“ ins Französische durch Georges Deyverdun und ein schwarzes Kleid von Edith Piaf, das sie bei ihren letzten Konzerten im Olympia trug. Die Nationalbibliothek sammelt selbstverständlich weiter. Aktuell bittet sie – noch bis Jahresende – um Spenden, um unveröffentlichte Manuskripte von Marcel Proust aus privater Hand zu erwerben. Darunter sind Aufzeichnungen als Schüler, Rezensionen für den „Figaro“ und Briefe an Freunde und Verlage. In der Galerie Mansart, die zur Bibliothek gehört, ist aktuell die Ausstellung „Impressions Nabis“ zu sehen: rund 200 Grafiken von Bonnard, Vuillard, Denis und Valloton. Die Schau über die Kunstrebellen der Jahre 1890 bis 1900, die mit ihren Werken den Kontakt zur Alltagwelt wahren wollten, läuft bis Mitte Januar 2026. (58 rue de Richelieu)

Wer „alt“ sagt, kann auch „neu“ sagen. Die moderne „Bibliothèque nationale de France Francois Mitterand“, also die Anlage aus vier Hochhäusern in Gestalt aufgeschlagener Bücher, hat einen Sicherheitscheck wie am Flughafen – wie so viele andere große Häuser der Stadt auch. Auch hier werden nicht nur Bücher angeboten. Als wir im Hause sind, gibt es gleich zwei Ausstellungen im Parallelflug. Die zum Karikaturisten Georges Blondeaux (1929-2004), der unter dem Namen Gébé berühmt geworden ist, ist allerdings mittlerweile beendet. Aber die Begegnung mit den faszinierenden „Welten der Colette“ ist noch bis zum 18. Januar 2026 möglich. Die Schau ist der Schriftstellerin gewidmet, die auch als Varieté-Künstlerin und Journalistin für Furore sorgte – und die 1954 mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt wurde. Über Colette (1873-1954) heißt es: „Ihre Leser fanden in ihren Texten ein unverfälschtes Bild der vielfältigen weiblichen Lebenswirklichkeit und in ihrem Leben den Werdegang einer unabhängigen Frau.“ (Quai François Mauriac)

Mit Delacroix im Himmel
Der Blick in die Bibliothek der Nationalversammlung, die nur von Parlamentsangehörigen genutzt werden kann, ist im Rahmen einer – ebenfalls empfehlenswerten – Parlamentsbesichtigung möglich. Die Sehenswürdigkeit prunkt und punktet mit Deckengemälden von Eugène Delacroix. Der Künstler arbeitete auf den 400 Quadratmetern mit drei Mitstreitern über zehn Jahre hinweg. In der Kuppel und in den Nischen ist der ewige Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation dargestellt, zwischen Attila und Orpheus. Himmlisch. Der Künstler selbst sagte: „Die Themen dieser Gemälde beziehen sich auf Philosophie, Geschichte und Naturgeschichte, Gesetzgebung, Beredsamkeit, Literatur, Poesie und sogar Theologie.“ Damit habe er sich an die für Bibliotheken übliche Einteilung anlehnen wollen.
Dieser Bibliothek, deren Einrichtung 1796 beschlossen wurde, ging es aber nicht nur um die relevanten Werke der Zeit. Auch kam es im frühen 19. Jahrhundert zu spektakulären Ankäufen. Dazu zählt das Protokoll des Prozesses gegen Jeanne d’Arc ebenso wie ein 14 Meter langes Manuskript aus aztekischer Zeit, der „Codex borbonicus“, so genannt nach dem aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Palais Bourbon, dem heutigen Sitz der Assemblée Nationale. (126 rue de l’Université)



Spitzentitel zum Menue
Dass die Literatur in Paris auch in Restaurants, Bistrots und Cafés zuhause ist, muss man niemandem mehr erzählen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller nährten am Boulevard Saint-Germain den Mythos des „Café de Flore“ oder des „Les deux magots“ (das mittlerweile Dependancen in Tokio, Riad und Sao Paulo hat). Und der renommierte Prix Goncourt wird traditionell im Restaurant Drouant beraten und bekanntgegeben. Eine einschlägige Empfehlung ist auch das Tradtionslokal Le Wepler an der Place Clichy. Etageren mit Austern etc. sind gut vertreten im geräumigen und dennoch intensiv besuchten Restaurant. Aber auch Mayonnaise-Eier, Ente (confit und magret, rosé und à point), Elsässisches und Salade César werden gereicht. Schmackhaft all das. Angenehme Bedienung.
Und dann noch das: Im Namen des Restaurants und in Verbindung mit der Fondation La Poste wird ein Literaturpreis vergeben, der ausdrücklich auf solche Werke zielt, die nicht im Mainstream schwimmen. Im November wurden die diesjährigen Sieger verkündet. Mit dem Hauptreis geehrt wurde der Genfer Autor Bernard Bourrit für seinen Roman „Détruire tout“ (Alles zerstören), der sich mit einem Femizid in der Schweiz der 1960er Jahre befasst. Eine lobende Erwähnung ging an die aus Metz stammende Hélène Laurain für „Tambora“. Gefeiert wurde – na klar – in der Brasserie Wepler, der „reine de la Place Clichy“, wie es anlässlich der Verleihung hieß. (14 place de Clichy)
Martin Oehlen
***
Noch mehr kulinarische Tipps
gibt es im letzten Teil unserer kleinen Paris-Reihe. Demnächst in diesem Programm.
Auf diesem Blog
sind im Rahmen unserer Reihe „Merci Paris“ folgende Beiträge erscheinen: Mit dem Linienbus durch die Stadt (HIER), erste literarische Spuren von Victor Hugo bis zur Buchhandlung „Le neuvième pays“ (HIER), drei ruhige Plätze (HIER) und eine kleine Museums-Kollektion (HIER).