
Viel knapper geht es kaum. Arno Schmidt (1914-1979) benötigte in seinem Tagebuch lediglich sechs bis acht Zeilen pro Tag. Und das auf einer jeweils nur zehn Zentimeter breiten Seite. Mehr gab „Schauenburgs großes Tagebuch“, das er für die Notate gekauft hatte, nicht her. Der Platz reichte aus, um die Ereignisse vom Morgen bis tief in die Nacht zu fixieren. Zum Vergleich: „Zettel’s Traum“, sein Hauptwerk, befasst sich ebenfalls mit nur einem Tag – aber das geschieht auf 1300 Seiten. Zwischen beiden Textsorten liegen Welten. In jeder Hinsicht.
Notieren, woher der Wind weht
Nur eines dieser Tagesnotizbücher ist überliefert. Es umfasst die Jahre 1957 bis 1962 und wird jetzt erstmals zur Gänze veröffentlicht. Susanne Fischer ist die Herausgeberin dieser sorgsam edierten Ausgabe. Die Geschäftsführerin der Arno Schmidt Stiftung und Mitherausgeberin der Bargfelder Ausgabe der Werke des Autors hat zuvor bereits einige Tagebücher von Schmidts Ehefrau Alice vorgelegt.
Ein bizarres Vergnügen ist es, in Arno Schmidts Tagebuch einzutauchen. Es bietet in grandioser Verknappung ein Mixtum aus Privatem und Professionellem. Der Wetterbericht fehlt in keinem Eintrag. Mit geradezu bürokratischer Pedanterie notiert er, woher der Wind weht und wie dicht der Regen fällt. Selbst der Posteingang wird minimalistisch vermerkt, nämlich mit einem P. Und wenn keine Post kommt, hat das P einen Beistrich, der es wie ein R aussehen lässt.
L bedeutet Liebe
Was sich aus der Kürze der Notizen nicht sofort erschließt, entschlüsselt der Kommentar. Zudem hilft eine umfangreiche Liste mit den einschlägigen Symbolen und Abkürzungen. Ein nach unten zeigender Pfeil steht für die Schlaftablette und ein Glas für den Alkoholkonsum, L bedeutet Liebe und O meint Onanie.
Auch wenn Arno Schmidt intime Informationen preisgibt, so ist diese Edition keine Indiskretion. Denn nicht für die Schublade wurde dieses Kalendarium geführt, sondern für den Nachlass. „Selbstverständlich rechnete Schmidt damit, dass sein Tagebuch der Nachwelt überliefert werden würde“, stellt Susanne Fischer im Vorwort fest. „Dafür wurde es geschrieben.“

Das „Glüxgefühl“ nach dem Umzug
Das Hauptereignis in jenen Jahren ist der Umzug vom urbanen Darmstadt ins dörfliche Bargfeld im Dezember 1958. Kaum lässt sich die Bedeutung des Ortswechsels überschätzen. Schmidt selbst bekannte im Jahr 1959, „beim Beschauen der Weite + der grauen Wolken“ von einem „Glüxgefühl“ erfasst worden zu sein, wie er es sehr lange nicht mehr erlebt habe. Dem Werk war die Abgeschiedenheit äußerst zuträglich. Herausgeberin Susanne Fischer schreibt, dass die Romane in Darmstadt nie hätten entstehen können.
Tiefschürfendes zur schriftstellerischen Arbeit lässt sich in dem vorliegenden Band allerdings kaum finden. Dabei sind im hier protokollierten Zeitraum „Die Gelehrtenrepublik“, „Kaff auch Mare Crisium“ und „Kühe in Halbtrauer“ entstanden. Die literarische Kunst, aber auch die Übersetzungen und die Arbeiten für den Rundfunk werden lediglich mit der Vokabel „Pensum“ angezeigt, zuweilen ergänzt um die Stunden- oder Seitenzahl.
„Lilli quält mich zu Tode“
Im Mittelpunkt stehen stattdessen der Alltag und das Alleralltäglichste. Mag die Meisterung des Gewöhnlichen für Schmidt eine Herausforderung gewesen sein, so nehmen wir diesen Kampf nicht selten amüsiert zur Kenntnis. Zu seinen Hauptbeschäftigungen zählen „Murxen“ und „Wurmisieren“. Das eine wird über 600 Mal erwähnt, das andere immerhin mehr als 200 Mal. Gemeint ist in beiden Fällen das Lesen, Recherchieren und Planen.
Stress und Streit gab es häufig bei den Schmidts. Der patriarchalisch gestimmte und reizbare Hausherr meckert ein ums andere Mal über seine Frau. Um Nichtigkeiten geht es zumeist. So im Januar 1957: „Lilli quält mich zu Tode mit ihrem verfluchten gefühllosen Zeitungsvorlesen: hat sie denn keine Ahnung, was Bücher schreiben heißt? Und so geht das seit Jahren!“ Selbstkritik scheint nicht seine Sache gewesen zu sein. Alice bezeichnet ihn einmal als „‚dumm‘, ‚größenwahnsinnig‘, ‚arrogant‘, usw.“, was er mit zwei Worten kommentiert: „Schade; Irrtum.“


„Schweine Alle!“
Arno Schmidt stört es, wenn Alice Schmidt während der Radionachrichten bügelt. Auch ist es für ihn offenbar schwer erträglich, wenn „Lilli summt“. Die Formulierung taucht weit über 100 Mal auf und weist nicht auf einen Musikbeitrag der Ehefrau hin, sondern aufs Staubsaugen. Noch so ein zügig zündendes Streitthema ist Purzel: „Sauerei!: sie lässt die Katze wieder die Schüsseln auslecken! Absichtlich: sie ist eine fürchterliche Schlampe!“
Generell hält sich der Autor bei der Wortwahl nicht zurück. Der Tierarzt ist ein „Arschloch“, die Verleger sind „Schweine Alle!“ und die Bauern, die eine Erle „weggesägt“ haben, sind „Idioten“ und obendrein „Schweine“. Mit dem Zusatz „Scheiß“ ist er besonders großzügig: „Scheiß-Christ“, „Scheiß-Leser“, „Scheiß-Notar“. Er nutzt die Formulierung aber auch, um mal von den eigenen „Scheiß-Seiten“ zu sprechen, die er für eine Auftragsarbeit verfasst habe.
Kritik am „Koalitions-Schacher“
Das Haus in Bargfeld, so zeigen es die zahlreichen in den Band integrierten Privatfotos, lag am Feldrand. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen vermitteln den Eindruck, als lebten die Schmidts am Ende der Welt. Gleichwohl blieb der Autor den Aktualitäten verbunden. Gewiss schwamm er nicht im politischen Mainstream. So meint er am 14. August 1961, einen Tag nach dem Beginn des Mauerbaus durch die DDR: „der W versucht eine Berlin-Krise zu konstruieren.“ W wie Westen.
Er wettert gegen Adenauer, scheint von de Gaulle angetan zu sein, registriert interessiert die Satellitenstarts in den USA und in der UdSSR, ist angewidert vom „Koalitions-Schacher“, empört sich über eine Synagogenschändung in Köln und beklagt die Flutkatastrophe in Hamburg. Schließlich zeigt er durch schiere Erwähnung an, welche Todesfälle ihm nahegehen: Malaparte (1957), Ernst Rowohlt (1960), Faulkner (1962).
Die NS-Diktatur in den Knochen
Dass die Bundesrepublik noch jung ist und die Naziherrschaft nicht lange zurückliegt, wird bei der Lektüre offenkundig. Diktatur und Krieg stecken weiter im Kopf und in den Knochen. So träumt Arno Schmidt davon, wie er einer jüdischen Familie bei der Flucht mit dem Planwagen hilft – „hinter uns schon SA“. In einem anderen Traum fragt er sich: „wie oft bin ich nun schon seit 45 wieder eingezogen gewesen!: Und nichts widerspricht in mir!!!“
Arno Schmidts Tagebuchnotizen sind trotz ihrer Kürze und trotz ihrer Leerstellen ein eindrucksvolles Lebenszeugnis und ein Zeitbild obendrein. Wie es in seinem Innersten aussieht, ist hier recht leicht zu entdecken. Ein Gewinn nicht nur für Literaturwissenschaftler. Das Puzzle aus lauter Stichworten ist kein stilistisches Kleinod. Doch der Band hat es buchstäblich in sich. Diese Chronik ist eine herrlich sprudelnde Quelle.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Sven Hanuscheks fulminante Biografie von Arno Schmidt (HIER) sowie Arnos Schmidts Briefwechsel mit Hans Wollschläger (HIER) besprochen.
Arno Schmidt: „Tagebücher der Jahre 1957-62“, hrsg. von Susanne Fischer, Suhrkamp, zahlreiche Abbildungen, 780 Seiten, 68 Euro.

Deprimierend, ein unleidlicher Mensch. Ich werde einen Bogen um das Buch schlagen. Die Kritik selbst habe ich gern gelesen.
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Ich bin schon ganz gespannt auf das Buch, das hoffentlich demnächst den Weg zu mir findet. Wenn Schmidt es für den Nachlass schrieb, dann bestimmt auch, um der Nachwelt einen autofiktionalen Roman über die Lebens- und Produktionsbedingungen in der A-&-A-Schmidt-Literaturproduktionsfirma zu liefern.
Sehr sympathisch auch, dass ihn der wiederauftauchende Antisemitismus mehr beunruhigte als der Mauerbau.
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