Erst die Prügel in der Familie, dann das Beschweigen: „Liebe ist gewaltig“ von Claudia Schumacher ist das „Buch für die Stadt“ in Köln

Claudia Schumacher (rechts) und Moderatorin Anne Burgmer im Schauspiel Köln. Foto: Bücheratlas / P. P.

Die Premiere ist geglückt: „Ein Buch für die Stadt“, die gemeinsame Aktion von Kölner Stadt-Anzeiger und Literaturhaus Köln, fand zum ersten Mal an einem Samstagabend statt. Und das, obwohl seit 2003, also seit dem Beginn der Lese- und Literaturinitiative, die Sonntagsmatinee im Kölner Schauspielhaus gesetzt war. Doch auch diesmal war im Depot der Zuspruch groß. Das erfreute Moderatorin Anne Burgmer, die kundig und souverän durch den Abend führte. Der Zuspruch überraschte die Kulturchefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“ allerdings nicht weiter. Schließlich hatte die Jury auch in diesem Jahr „ein fantastisches Buch“ ausgesucht: „Liebe ist gewaltig“ von Claudia Schumacher.

Es ist ein fesselnder, eindringlich erzählter Roman über häusliche Gewalt und deren Auswirkungen auf die vier Kinder eines narzisstischen Vaters und einer toxischen, manipulativen Mutter. Kurt Ehre, ein angesehener Rechtsanwalt in einer fiktiven schwäbischen Kleinstadt, schlägt seine Familie regelmäßig grün und blau, bis ihm einer seiner heranwachsenden Söhne Paroli bietet. Die Mutter wiederum verleugnet gegenüber den Kindern die Gewaltattacken des Vaters, indem sie sich selber zum alleinigen Opfer stilisiert – und sie wird damit zu dessen Komplizin.  

Literarische Tiefenbohrung

Schwerer Stoff also. Der Roman zeige auf frappierende Weise, was Literatur zu leisten vermöge, sagte Bettina Fischer, die Leiterin des Literaturhaus Köln, zur Entscheidung der Jury. Anders als ein journalistischer Text ermögliche der literarische Zugang eine besondere „Tiefenbohrung“. Diese eröffne der Autorin die Möglichkeit, Gefühle unmittelbar zu vermitteln.

Auch Christian Hümmeler, Mitglied der Chefredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger, zeigte sich beeindruckt von dem Thema. Er betonte die Wichtigkeit der vom Schauspielhaus und dem Unternehmen JTI geförderten Gemeinschaftsaktion. Der Zeitung liege es am Herzen, die Literatur in Köln zu fördern, sagte er.

„Gewalt in allen Schichten“

Sieben Jahre habe sie an ihrem ersten Roman gearbeitet, erzählt Claudia Schumacher. Und dann ausgerechnet dieses Thema? Gewalt in der Familie? Gewalt sei ein Teil des Menschseins, erklärt die Autorin die Wahl des beileibe nicht einfachen Sujets. „Wir alle werden täglich mit Gewalt konfrontiert. In den Zeitungen, im Fernsehen. In unserem Alltag.“ Gerade in diesen Zeiten – während der Pandemie, „als die Welt stillstand“, angesichts des Ukraine-Krieges – sehe man, wie schnell der zivilisatorische Firniss reißen könne. „Dennoch wollen wir das Thema am liebsten von uns wegschieben und neigen dazu, es zu tabuisieren.“

Ebenso sei es ein Trugschluss zu glauben, dass häusliche Gewalt das Problem einer bestimmten Schicht oder eines bestimmten Kulturkreises sei. Denn die Realität stelle sich anders dar. „Man findet diese Gewalt in allen Schichten, ob Arbeiter- oder Professorenfamilie.“ Daher halte sie es für wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen und zu schildern, was frühe Gewalterfahrungen mit einem Menschen machen könne.  

Claudia Schumacher Foto: Bücheratlas / P. P.

„Viele Opfer schämen sich“

Claudia Schumacher, 1986 in Tübingen geboren, ist Journalistin von Beruf. Mit dem vertrauten Instrumentarium näherte sie sich dem Thema Gewalt. Im Rahmen ihrer Recherche besuchte sie Frauenhäuser und psychologische Praxen. Sie sprach mit Betroffenen und las sich durch Fachbücher und Gerichtsakten. Einfach sei das nicht gewesen, sagt sie. „Viele Opfer schämen sich und geben sich eine Mitschuld an dem, was passiert ist.“ Vor allem Frauen aus der Mittel- und Oberschicht seien nur unter bestimmten Bedingungen zu einem Interview bereit gewesen. „Je höher die Schicht, desto größer ist das Bedürfnis, die Privatsphäre zu schützen.“   

Trotz der intensiven Recherche sei die erste Fassung des Romans misslungen. Irgendwann habe sie den Ursprungstext, immerhin rund 150 Seiten stark, entnervt „in die Tonne gekloppt“ und das Projekt ein Jahr ruhen lassen, erzählt Claudia Schumacher „Ich hatte ein Buch geschrieben, das ich selber nicht lesen wollte. Es fehlte der zündende Moment. Offenbar hatte ich das Thema beim ersten Anlauf nicht begriffen.“  

„Papa hat die Zimmerschlüssel“

Eine Fahrradtour durch Hamburg habe schließlich den Durchbruch gebracht. Plötzlich sei sie da gewesen, die lange gesuchte Erzählstimme – und mit ihr Juli Ehre aus dem fiktiven Ederfingen bei Stuttgart. Eine hochintelligente, obercoole 17-Jährige. Sie verbirgt ihre seelischen Verletzungen hinter viel Galgenhumor und einer aufgesetzten Ihr-könnt-mich-mal-Haltung verbirgt.

Danach habe sie die ersten zehn Seiten geschrieben und sie für gut befunden, erinnert sich Claudia Schumacher. Auf diesen stehen Sätze wie: „Papa hat die Zimmerschlüssel im Haus kassiert. Weshalb ich immer damit rechne, dass er nachts wieder vor meinem Bett aufkreuzt wegen irgendso ‘nem Scheiß. Ich habe vergessen, die Spülmaschine auszuräumen, oder mein Fahrrad draußen stehen gelassen.“

„Mama mit einem Rollkragenpullover“

An anderer Stelle heißt es: „Wie oft lag ich wach mit der Frage, ob Mama morgens mit einem Rollkragenpullover raus kann oder ob er noch mal so dumm ist, ihr eine Platzwunde im Gesicht zu verpassen. Das eine Mal musste Mama mehrere Wochen krank machen, damit den Riesenhaufen Scheiße bei uns daheim niemand riecht.

In drei Etappen, von 2007 bis 2016, begleitet Claudia Schumacher ihre Protagonistin durch ein von Gewalt bestimmtes Leben. Dann endlich findet Juli den Mut, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und über ihre Erfahrungen mit dem prügelnden Vater zu sprechen.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir Claudia Schumachers Roman „Liebe ist gewaltig“ anlässlich seines Erscheinens im Jahr 2022 HIER vorgestellt.

Weitere Titel, die in der Vergangenheit zum „Buch für die Stadt“ gewählt wurden, lassen sich leicht über die Suchmaske und genau diesen Begriff ausfindig machen: „Buch für die Stadt“.

Zuletzt ging es 2024 um Fatma Aydemirs „Dschinns“ (HIER) und 2023 um Nava Ebrahimis „Sechzehn Wörter“ (HIER).

Die Jury

zum „Buch für die Stadt 2025“, der gemeinsamen Literaturaktion von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Literaturhaus Köln, bildeten Anne Burgmer, Bettina Fischer, Hildegund Laaff und Martin Oehlen.

Die Sonderausgabe

von Claudia Schumachers Roman „Liebe ist gewaltig“, dem „Buch für die Stadt 2025“ in Köln, erscheint bei dtv und kostet 14 Euro.

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