
Hüseyin Yilmaz hat 28 Jahre lang in deutschen Fabriken als „Gastarbeiter“ Metallteile gefräst, Pappkartons gefaltet und sich damit die Knochen ruiniert. Schiefer Rücken, schmerzende Knie. In ein paar Jahren jedoch, wenn der jüngste Sohn die Schule beendet hat, wird Hüseyin Yilmaz „dieses kalte, herzlose Land“ namens Deutschland verlassen und eine eigene Wohnung in der Türkei, in Istanbul beziehen. Endlich wird er an einem Ort leben, den er als sein Zuhause bezeichnen kann. Wo es laut und bunt und fröhlich zugeht, wo die Menschen gemeinsam lachen und wo man seine Sprache spricht. Das ist sein Traum.
Alle eilen nach Istanbul
Doch das Schicksal hat andere Pläne mit dem Patriarchen der Familie Yilmaz: „Baba“ ist tot, ein Herzinfarkt, kaum dass er die neue Wohnung das erste Mal betreten hat – und alle, die ihm nahestehen, eilen zur Trauerfeier nach Istanbul. So lernen wir sie kennen: Ehefrau Emine, die Söhne Ümit und Hakan, die Töchter Sevda und Peri. Allenthalben tun sich bei diesem Zusammentreffen Brüche auf, werden nicht verarbeitete Traumata, werden alte Verletzungen und schlecht verheilte Narben sichtbar. Familie – das wird schnell deutlich – ist alles andere als ein heimeliges Konstrukt.
„Familie ist die Wurzel allen Übels. Jedenfalls das traditionelle Bild davon, das noch immer im Zentrum unserer Gesellschaft steht“, bringt Fatma Aydemir die Sache auf den Punkt. Und fragt sich: „Warum muss man Menschen mögen, nur weil man mit ihnen verwandt ist?“ Die Journalistin und Schriftstellerin, 1986 in Karlsruhe geboren, ist Autorin des Romans „Dschinns“, der in diesem Jahr das Buch für die Stadt in Köln und der Region ist. Bei der Aktion handelt es sich um eine gemeinsame Initiative von Literaturhaus Köln und „Kölner Stadt-Anzeiger“. Zum Auftakt der Lesewoche gab es, unterstützt von JTI, wie gewohnt eine sonntägliche Matinee im Depot 1 des Schauspiel Köln.
„Bei mir floatet gar nichts“
Vor ausverkauftem Haus sprachen Fatma Aydemir und Anne Burgmer, Kulturchefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“ an diesem Vormittag über die Bedeutung von Familie, über die Traumata der ersten „Gastarbeiter“-Generation, zu der auch die Eltern der Autorin zählen, und natürlich über das Schreiben von Büchern, das für Fatma Aydemir alles andere als ein Spaß ist. Ganz im Gegenteil. „Bei mir floatet gar nichts“, gab sie zu. Will heißen: „Jedes Buch ist eine neue Herausforderung. Ich muss immer scheitern und hadern, bis ich zufrieden bin.“
„Dschinns“ ist – nach Fatma Aydemirs Debüt „Ellbogen“ aus dem Jahr 2017 –ihr zweiter Roman. Eigentlich habe sie eine Liebesgeschichte schreiben wollen, sagt sie. Immerhin arbeite sie drei bis vier Jahre an einem Buch und verbringe viel Zeit mit den Protagonistinnen und Protagonisten. Da müsse es schon „etwas Nettes, Entspanntes“ sein. Doch daraus wurde nichts. Irgendwann habe sich Hüseyin Yilmaz in ihren Kopf geschlichen, ein Mann wie ihr Großvater und viele andere Vertreter der ersten Generation. Bereits im ersten Kapitel lässt sie ihn sterben, doch der Tote wird zum Katalysator für die Ängste und Geheimnisse der nächsten Generation.
„Einsamkeit ist eine Schleife“
Fatma Aydemirs Roman, der in den 1990er Jahren spielt, liegen zahlreiche Gespräche mit türkischen „Gastarbeitern“ zugrunde, die 20 Jahre zuvor ihre Heimat verließen, um in Deutschland zu arbeiten. Zwei, vielleicht drei Jahre wollten sie bleiben und als wohlhabende Männer zurückkehren in die Heimat. Doch ihre Träume erfüllten sich nicht.
„Deutschland war nicht das, was du dir erhofft hattest, Hüseyin“, heißt es in dem Roman. „Du hattest dir ein neues Leben erhofft. Was du bekamst, war Einsamkeit, die nie ein neues Leben sein kann, denn Einsamkeit ist eine Schleife, ist die ständige Wiederholung derselben Erinnerungen im Kopf, ist die Suche nach immer neuen Wunden in längst entschwundenen Ichs, ist die Sehnsucht nach Menschen, die man zurückgelassen hat.“
„Unbequeme Aspekte ausblenden“
Fatma Aydemir machte bei ihren Recherchen die Erfahrung, dass die meisten Vertreterinnen und Vertreter der ersten Generation kaum über Themen wie Emigration und Heimatverlust reden wollen. „Es gibt die Tendenz, unbequeme Aspekte, etwa, warum man nach Deutschland gegangen ist, auszublenden. Wenn man fragt, heißt es pauschal: Wir sind gegangen, weil alle anderen auch gegangen sind.“ Mögliche Gründe wie wirtschaftliche Not oder politische Verfolgung hingegen würden ausgespart. „Man will sich nicht als Opfer sehen.“ Die Folge dieses selektiven Erzählens seien „Lücken in der Familiengeschichte“, die wiederum Auswirkungen auf die Nachfolgegenerationen hätten. „Wir wissen vieles einfach nicht.“
Welche Folgen dieses Nicht-Wissen haben kann, zeigt Fatma Aydemirs Roman auf eindringliche Weise. Jedes Familienmitglied hat sein eigenes Päckchen zu tragen, und ein familiäres Gemeinschaftsgefühl will sich selbst in Zeiten der Trauer nur schwer einstellen.
Konfrontation mit Geistern
Da ist Hakan, der seine Verletzlichkeit hinter einem „Panzer aus harter Männlichkeit“ verbirgt. Da ist Sevda, die ihre ersten Lebensjahre bei den Großeltern in der Türkei verbrachte und erst mit 14 Jahren nach Deutschland kam. Inzwischen hat sie mit den Eltern gebrochen. Peli, die jüngste Tochter, ist „ein Teil von gar nichts. Sie wusste nicht einmal, wo sie herkam“. Und Ümit kämpft mit der Erkenntnis, dass er in einen Jungen verliebt ist. „Ich wollte zeigten, dass alle Geschwister ihre Geschichte und die Frage ihrer Herkunft anders konstruieren“, sagt Fatma Aydemir. „Es gibt nicht DIE Gastarbeiter und DIE Türken. Das unter dem Brennglas einer Familie zu sehen fand ich sehr spannend.“
Auch sie, so antwortete Fatma Aydemir auf die finale Frage von Anne Burgmer, kämpfe mit Dschinns, mit jenen unsichtbaren Geistern also, die einem jeden Menschen das Leben schwermachen können. Das Schreiben über Dinge, die für sie selber schwierig seien, helfe ihr dabei. „Ich konfrontiere mich mit meinen persönlichen Dschinns und versuche, von ihnen wegzukommen.“ Ein persönliches Statement am Ende einer rundum gelungenen Matinee, für die es viel Beifall gab.
Petra Pluwatsch
Fatma Aydemir: „Dschinns“, dtv, 368 Seiten, 13 Euro. E-Book: 12,99 Euro.
