
Tadao Andos jüngste Kreation ist nur viereinhalb Kilo schwer. Dennoch ist es eine Sehenswürdigkeit. Genauso wie es viele der bisherigen Werke des japanischen Architekten sind, der 1941 geboren und unter anderem mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde. Nun präsentiert er seine eigene Monographie: „Sketches, Drawings and Architecture“. Der dreisprachige Band, der von den Anfängen seines Wirkens in den 1970er Jahren bis in die jüngste Zeit reicht, erscheint im Taschen Verlag in gewohnt exzellenter Aufmachung. Und er wiegt, wie gesagt, neun Pfund.

Skizze auf der Bordkarte von Iran Air
Der Titel deutet es schon an: Nicht die vollendeten Gebäude werden hier ins Zentrum gerückt. Vielmehr sind es die wegbereitenden Skizzen, Zeichnungen, Modelle und technischen Pläne. Es geht also um die Entwicklung von den ersten, mit leichter Hand hingeworfenen Linien bis zur maßstabgetreuen Feinstruktur – vom kreativen Schwung zum peniblen Bauplan. Wer diesen Prozess verfolgt, den Tadao Ando jeweils in wenigen Sätzen kommentiert, erhält einen faszinierenden Einblick in die architektonische Praxis auf Champions-League-Niveau. Zugleich bietet dieses Konvolut ein ästhetisches Vergnügen. Es ist gleichsam angewandte Kunst – gestaltet mit breitem Pinsel und spitzem Bleistift, auf Millimeterpapier und auch mal auf einem Werbeprospekt oder einer Bordkarte von Iran Air.
Manches von dem, was der Band ins Bild rückt, wurde niemals realisiert. Diese Entwürfe, die einer Geisterwelt anzugehören scheinen, sind von besonderem Reiz. Dabei zeigt sich, dass die Mühe kaum einmal vergebens war. Denn so manche Idee konnte später an anderer Stelle aufgegriffen werden – wenn auch in einer Variante, die dem Standort und dem Inhalt gemäß ist. Exemplarisch zeigt sich das an Tadao Andos Entwurf aus den 1980er Jahren für eine Versammlungshalle in seiner Heimatstadt Osaka (Nakanoshima Project II), für den er gar keinen Auftrag hatte.
Der Schatz der nicht realisierten Entwürfe
„Gerade weil es ein privater Entwurf war, habe ich meine ganze Kraft und Energie in die Zeichnungen und in die Modelle gesteckt. Die städtischen Behörden nahmen meinen Vorschlag schließlich nicht ernst, und er landete auf der Liste der nicht realisierten Arbeiten.“ Gleichwohl habe er die dabei entwickelten Ideen weiterverfolgt: 20 Jahre später bei der Punta della Dogana in Venedig und 30 Jahre später bei der Bourse de Commerce in Paris.
Bei der Bourse de Commerce, in der die François-Pinault-Kunstsammlung untergebracht ist und die sich in der Nähe der Métro-Station Les Halles befindet, nutzte er zudem Elemente eines weiteren nicht realisierten Entwurfs für die Île Seguin in Paris. Tadao Andos Lehre aus alledem: „Die Vergangenheit beeinflusst die Gegenwart und schafft die Zukunft – auch die Welt der architektonischen Imagination bewegt sich in diesem kontinuierlichen Fluss der Zeit.“



„Behausungen für die menschliche Seele“
Selbstverständlich wird auch Tadao Andos Schaffen vom Siegeszug der Künstlichen Intelligenz beeinflusst. Der Architekt beschreibt die Entwicklung seit den 1990er Jahren, als „die Hand- von der Computerzeichnung abgelöst“ wurde: „Es ist auch wahr, dass einige der aktuellen architektonischen Projekte nur durch den Gebrauch von Computern realisierbar sind.“ So seien beispielsweise komplexe dreidimensionale Darstellungen möglich geworden, die die Variationsbreite der Formen erweitert haben.
Jetzt aber noch einmal grundsätzlich! Es sei die Architektur, sagt Tadao Ando, die „mit ihren Bauwerken Behausungen für die menschliche Seele schafft, Denkmäler für den menschlichen Erfindungsgeist setzt und innerhalb ihrer Grenzen urbane Kultur entstehen lässt.“ Einige solcher Bauwerke hat er auch in Deutschland realisiert. Allerdings nicht in Zentren wie gemeinhin in New York, Peking oder Tokio, sondern eher am Rande: das Vitra Seminargebäude in Weil am Rhein (nicht weit von Basel), die Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich (zu Neuss gehörend) oder das Steinskulpturenmuseum Bad Münster am Stein (ein Stadtteil von Bad Kreuznach). Im Rückblick auf fünf Jahrzehnte stellt er fest: „Ich war davon besessen, eine Architektur zu schaffen, die nur an einem ganz bestimmten Ort und zu einer ganz bestimmten Zeit möglich ist.“ Wie Tadao Ando seine Besessenheit in Baukunst umgesetzt hat, zeigt dieser Band vortrefflich.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir bereits zwei Bände des Taschen Verlags zur japanischen Architektur vorgestellt, beide realisiert von Philip Jodidio: einmal zum Werk von Kengo Kuma (HIER) und einmal zur „Contemporary Japanese Architecture“ (HIER).
Tadao Ando: „Sketches, Drawings and Architecture“, Taschen Verlag, dreisprachige Ausgabe, übersetzt von Thomas Daniell (Englisch), Ingrid Reuter (Deutsch) und Jacques Bosser (Französisch), 594 Seiten, 150 Euro.
