
Was Bücher alles bewirken können! Nicht zuletzt ist es ihnen möglich, eine fein ausgeklügelte Lebensplanung umzuwerfen. So erging es Santiago Calatrava, als er in einem Schreibwarenladen im spanischen Valencia „ein kleines Buch mit wunderbaren Farben“ entdeckte. So sehr imponierten ihm die gelben und orangefarbenen Ellipsen auf blauem Untergrund, dass er es auf der Stelle kaufte: „Es handelte von Le Corbusier, dessen Werk für mich eine Offenbarung war.“ Vor allem das Formgefühl des Architekten habe großen Eindruck auf ihn gemacht. Und so beschloss Santiago Calatrava, der ursprünglich eine Kunstakademie besuchen wollte, an der „Escuela Técnica Superior de Arquitectura“ zu studieren.
Zwischen Dallas und Doha
Was dieser Spurwechsel für Folgen hatte, ist einerseits an weltweit errichteten Bauwerken zu besichtigen, von A wie Athen bis Z wie Zürich, von Dallas bis Doha. Andererseits erleben wir sie in einer monumentalen Werkschau von Philip Jodidio : „Calatrava. Complete Works 1979 – Today“. Der hochwertig gestaltete Band kommt – wie es vertraut ist aus dem Taschen-Verlag – in drei Sprachen daher: Englisch, Deutsch und Französisch.
Die Ausbildung, die Santiago Calatrava in seiner Geburtsstadt Valencia begonnen hatte, setzte er mit einem Studium der Bautechnik in Zürich fort. Eine prägende Zeit. Nicht nur lernte er dort seine spätere Ehefrau kennen. Zudem wurden ihm die Vorzüge bewusst, „wie ein Ingenieur zu zeichnen und auch wie einer zu denken“. Rückblickend stellt er fest: „Ich war fasziniert von der Vorstellung der Schwerkraft und spürte deutlich, dass es notwendig war, mit einfachen Formen zu arbeiten.“
Emotion mit der richtigen Kombination
Nicht zuletzt imponierte ihm die Arbeit des Schweizer Ingenieurs Robert Maillart: „Mit einfachen Formen zeigte er, dass es möglich ist, starke Aussagen zu machen und gefühlsmäßige Reaktionen hervorzurufen. Mit der richtigen Kombination von Kraft und Masse lässt sich Emotion erzeugen.“ Es braucht halt nicht viel, um Eindruck zu machen, wenn man weiß, wie es geht.
Zu den frühen Arbeiten des Architekten zählt das Lagerhaus der Firma „Ernsting’s“ in Coesfeld-Lette (1983-85). Es überrascht vor allem mit den Toren an den Laderampen: die schwenkbaren Aluminiumrippen bilden beim Öffnen einen Bogen, so dass schützende Vordächer entstehen. Santiago Calatrava erinnert sich: „Ich wollte eine eigene Tür schaffen, eine, die poetische Bedeutung haben sollte und sich in eine Figur im Raum verwandeln konnte.“

Weltweiter Brückenbauer
Ebenfalls in Deutschland hat er dann noch in den frühen 1990er Jahren gebaut – insbesondere in Berlin, wo unter anderem die Kronprinzenbrücke neu entstanden ist. Am häufigsten freilich hat er Baupläne für die Schweiz geschaffen. Aber tatsächlich ist er der Baumeister der ganzen Welt – mit Büros in Dubai, New York und Zürich.
Blickt man auf die Funktionen der Gebäude, für sie sich Santiago Calatrava an den Zeichentisch gesetzt hat, dann erscheint als Architekt der Mobilität. Denn zumal Brücken und Bahnhöfe sind es, also Orte der schnellen Verbindung, denen er seinen Stempel aufgedrückt hat. Rund 70 Brücken hat er gestaltet, nicht wenige davon nur für Fußgänger wie jene, die in Venedig vom Busbahnhof beziehungsweise Parkhaus ins Zentrum führt. Und knapp 20 Bahnhöfe hat er entworfen, für Eisenbahn, Bus und Metro, darunter jene in Lissabon, Lüttich und Lyon. Hinzu kommen Pavillons, Museen, Flughäfen. Sie beeindrucken mit Schwung und Helligkeit, mit Anmut und Originalität.
Der Wurfspeer von Barcelona
Nicht selten orientiert sich der Architekt an organischen Vorbildern. So meint man, schreibt Philip Jodidio, im Bahnhof am Flughafen Lyon-Saint-Exupéry einen Mantarochen zu erkennen und im Pavillon für die Vereinigten Arabischen Emirate einen Falken. Aber nicht immer ist das, was die Öffentlichkeit in den Bauten erkennt, genau das, was der Architekt im Sinn gehabt hatte. Glücklicherweise kann man der Einbildungskraft noch keine Vorschriften machen, weshalb es jedem freigestellt ist, ganz eigene Vorstellungen zu entwickeln.
Das lässt sich am Beispiel des Fernmeldeturms auf dem Montjuïc in Barcelona – ja, Türme hat Calatrava auch gebaut – vor Augen führen. Der Architekt hatte bei diesem Bauwerk einen knieenden Menschen im Sinn, der ein Opfer darbringt, schreibt Jodidio, doch das Publikum nahm einen fliegenden Speer war. Was gut zu den Olympischen Spielen von 1992 passte, die der Anlass für diese architektonische Attraktion waren.
Objekte im idealen Blickwinkel
Diese Monographie gibt einen sehr guten Einblick in das Gesamtwerk. In chronologischer Folge werden zentrale Arbeiten ausführlich, andere kursorisch behandelt. Die Fotografien sind von exquisiter Qualität und zeigen die Objekte sozusagen in der Idealansicht. Auch werden Santiago Calatravas Skulpturen für den öffentlichen Raum aufgeführt. Weiter gefallen die Skizzen und Aquarelle aus der „Werkstatt“. Und dass der Bahnhof von Lüttich-Guillemins in der englischen und deutschen Übersetzung einmal von Belgien nach Frankreich verlegt wird, ist nur eine winzige Unachtsamkeit.
Die gute Laune, die sich beim Blick auf Santiago Calatravas Bauten einstellt, ist vielleicht das schönste Ergebnis bei der Betrachtung dieses Bilderreigens. Ein fast sieben Kilogramm schwerer Prachtband, der so imposant ist wie die Architektur, die er ausstellt.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon einige Monographien von Philip Jedodio im Taschen-Verlag vorgestellt – über Jean Nouvel (HIER), Kengo Kuma (HIER) und über die zeitgenössische japanische Architektur (HIER).
Das Foto am Kopf der Seite
zeigt den Bahnhof Oriente in Lissabon (1993–1998). Foto: Palladium. Photodesign / OliverSchuh + Barbara Burg / Taschen Verlag
Philipp Jodidio: „Calatrava. Complete Works 1979 – Today“, Taschen Verlag, dreisprachige Ausgabe (englisch, deutsch, französisch), 688 Seiten, 200 Euro.
