Rafik Schami holt Sterne vom Himmel, Margriet de Moor blickt in die Seele, und Anthony McCarten stellt einen „Superhero“ vor – Rückblick auf 20 Jahre „Ein Buch für die Stadt“ (5)

Rafik Schami Foto: Bücheratlas

Die Kölner Lesereihe „Ein Buch für die Stadt“ hatte vor 20 Jahren Premiere. Auf diesem Blog erinnern wir an die ausgewählten Bücher und ihre Autorinnen und Autoren in einer kleinen-schnellen Reihe. Die ersten zwölf Jahrgänge haben wir bereits vorgestellt – die Links dazu gibt es am Fuße des Artikels. Nun geht es zum nächsten Trio.

2015

„Eine Hand voller Sterne“ von Rafik Schami

Eine Lesung mit Rafik Schami ist keine Lesung. Man kann von dem Autor sicher eine Menge erbitten. Aber dass er sich an ein Pult stellt und Seite um Seite aus seinen Werken vorliest, ist ihm nicht zuzumuten. Denn Rafik Schami ist ein Erzähler alter Ordnung. Der tritt auf die Bühne, blickt ins Publikum – und legt los. So war es auch bei der begeisternden Matinee zu „Eine Hand voller Sterne“. Zwar folgte Rafik Schami dem Verlauf der Geschichte, doch scherte er da aus und machte dort eine Abkürzung. Dem Roman liegt das Tagebuch eines 14 Jahre alten Bäckerjungen zugrunde, der die Familie und den Alltag in Damaskus beschreibt, aber auch die Unterdrückung und Gewalt in Syrien. Ein Roman mit autobiographischen Partikeln, der das Lesen und das Schreiben hochleben lässt, den Widerstandsgeist und die Freiheit des Denkens.

2016

„Erst grau dann weiß dann blau“ von Margriet de Moor

Am Tag ihrer Kölner Abreise war die Wahl entschieden. Als Margriet de Moor die Veranstaltungen zu ihrem Roman „Erst grau dann weiß dann blau“ absolviert hatte, erreichte sie am Morgen im Hotel die Nachricht, dass der so lange als ganz und gar unwählbar geltende Donald Trump der neue und 45. Präsident der USA werden würde. Da lachte die niederländische Schriftstellerin schallend los – wie man so lacht, wenn das Undenkbare plötzlich Realität ist. Undenkbar – gut, das ist jetzt eine kühne Überbrückung – also undenkbar ist für die Romanfigur Robert, dass seine Ehefrau Magda plötzlich aus dem gemeinsamen Leben verschwindet. Noch ungewöhnlicher scheint allerdings zu sein, dass sie nach zwei Jahren ohne weitere Erläuterung zurückkehrt. „Erst grau dann weiß dann blau“ erinnert an die Vielzahl der Möglichkeiten, sein Leben zu führen. Es ist der Roman eines Aufbruchs, einer Ehe und der Unmöglichkeit, eine Persönlichkeit bis in die letzten Seelenkammern zu ergründen.

2017

„Superhero“ von Anthony McCarten

Noch ein 14 Jahre alter Junge. Aber kein Bäckerjunge wie bei Rafik Schami. Donald F. Delpe aus Watford in England, den der Neuseeländer Anthony McCarten in seinem Roman „Superhero“ vorstellt, ist an Krebs erkrankt. Dabei treibt Donald ein Aspekt besonders um: „Okay, ich sterbe vielleicht, ohne …. ohne dass ich je Sex hatte.“ Schon hat er sich einen Grabspruch zurechtgelegt: „Ich will mein Geld zurück. Ich habe nichts kapiert.“ Solcherart changierend zwischen Leben und Tod, Ernst und Heiterkeit strebt der Roman in schnellen Szenen voran. Unübersehbar ist da die Erfahrung von Anthony McCarten als Drehbuchautor. Er selbst ist gleich zweimal für einen Oscar nominiert worden und sitzt mittlerweile selbst in der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences, die die Auszeichnung vergibt. Im Kino ist auch sein „Superhero“ gelandet. Drehbuch: Anthony McCarten.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir die ersten Jahrgänge vom „Buch für die Stadt“ bereits vorgestellt.

Folge 1: Irmgard Keun, Italo Calvino und Haruki Murakami (HIER)

Folge 2: Orhan Pamuk, Rafael Chirbes und Kirsten Boie (HIER)

Folge 3: Jürgen Becker, Norbert Scheuer und Jovan Nikolić (HIER)

Folge 4: Sumaya Farhat-Naser, Assaf Gavron, Michael Köhlmeier und Jochen Schmidt (HIER)

Das Buch für die Stadt 2023

ist „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher (Piper Verlag).

Lesung mit Volker Kutscher an diesem Mittwoch um 19 Uhr im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Appellhofplatz).

Mitwirkende

„Ein Buch für die Stadt“ ist eine Initiative des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und des Literaturhaus Köln. Auf Seiten der Institution federführend: Jetzt Bettina Fischer, am Anfang Thomas Böhm, zwischendrin Insa Wilke. Und bei der Zeitung: Jetzt Anne Burgmer, am Anfang der Autor dieser Zeilen, zwischendrin Frank Olbert. Neben Literaturhaus und „Kölner Stadt-Anzeiger“ war und ist in der Jury der Kölner Buchhandel vertreten: Ehedem Klaus Bittner und aktuell Hildegund Laaff. Sehr wichtig für diese Initiative ist das Engagement der institutionellen und freien Veranstalter, die sich mit eigenen Programmen einbringen.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..