
Die Lesereihe „Ein Buch für die Stadt“ hatte vor 20 Jahren Premiere. Seitdem findet sie alljährlich in Köln und der Region statt. Die Jubiläumswoche beginnt an diesem Sonntag mit Volker Kutschers „Der nasse Fisch“ (wer flexibel ist: um 11 Uhr geht’s los im Schauspiel Köln). Die Titel, die im Laufe der Jahre im Fokus standen, sind auch heute noch jede Lektüre wert. Auf diesem Blog wollen wir die „Bücher für die Stadt“ in einer kleinen-schnellen Reihe Revue passieren lassen. Im Triple-Schritt. Die ersten drei Jahrgänge haben wir bereits HIER vorgestellt. Nun geht es zum nächsten Terzett.
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2006
„Schnee“ von Orhan Pamuk
Das Finale der Eröffnungsmatinee war kitschig-schön und herzerwärmend: Im Kölner Schauspielhaus schneite es. Allerdings mussten die fachkundigen Gäste Osman Okkan, Cem Özdemir und Joachim Sartorius auf der Bühne nicht frieren. Alles nur Papierkonfetti. Orhan Pamuk hatte im Jahr zuvor den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten und kurz vor dem „Buch für die Stadt“ war ihm der Literaturnobelpreis zugesprochen worden. Ein gewaltiger Roman, über 500 Seiten stark, der von der Identität handelt – die der Individuen und die der Türkei zwischen Ost und West. Das klingt nicht nur aktuell, sondern ist es auch. Über 25 Jahre hatte Orhan Pamuk den Roman im Kopf gehabt. Als wir uns in seiner Istanbuler Wohnung trafen, mit einem Minarett gleich vor dem Balkon und einem Muezzin-Ruf vom Band, sagte er: „Die Ursprungsidee war, alles in ein Buch zu packen, was ich über Politik weiß.“
2007
„Die schöne Schrift“ von Rafael Chirbes
Die verkaufte Auflage der Sonderausgabe verblüffte alle. Vor allem Rafael Chirbes (1949-2015) selbst. Nahezu 20.000 Exemplare sind in Köln und der Region in Umlauf gebracht worden. Mehr als von der Originalausgabe „La buena letra“ (1992) in Spanien. Im Zentrum des archaisch-poetischen Textes steht Ana, die ihr Leben in der Provinz Revue passieren lässt, den spanischen Bürgerkrieg, die Herrschaft der Männer, die Hoffnung und die Enttäuschung. Das Interview mit Rafael Chirbes ist mir nicht zuletzt deshalb in besonderer Erinnerung geblieben, weil es währenddessen so heftig auf das Terrassendach in Südspanien geregnet hat, dass die Abschrift des Tonbandes eine große Herausforderung war. Unüberhörbar war allerdings, dass „Die schöne Schrift“ für den Autor einen besonderen Stellenwert einnahm: „Es ist mein persönlichstes Buch!“ Beim Wiederlesen kämen ihm zuweilen die Tränen, sagte er. Denn: „Die Armut, von der in dem Roman die Rede ist, die ist mir nicht unbekannt.“
2008
„Nicht Chicago, nicht hier“ von Kirsten Boie
Das erste (und bislang einzige) Jugendbuch beim „Buch für die Stadt“. Mit einem Thema, das nicht nur Jugendliche angeht: Mobbing in der Schule. Im Gespräch mit Petra Pluwatsch sagte Kirsten Boie, dass sie über ihre eigenen Kinder mit Vorfällen, wie sie im Buch geschildert werden, konfrontiert worden sei: „Für Kinder und Jugendliche sind diese Dinge Alltag. Die wissen, dass so etwas passieren kann, und sie sprechen deshalb nicht groß darüber. Für mich dagegen war das Thema Gewalt ziemlich aufwühlend. Als ich dann immer mehr vergleichbare Geschichten hörte, sagte ich mir: Darüber willst Du schreiben.“ Und viele wollten es dann lesen. Auch hier noch einmal eine Zahl: Allein die Sonderausgabe zum „Buch für die Stadt 2008“ erreichte eine Auflage von 25.000 Exemplaren.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir die ersten drei Jahrgänge vom „Buch für die Stadt“ – mit Werken von Irmgard Keun, Italo Calvino, Haruki Murakami – HIER vorgestellt.
Das Buch für die Stadt 2023
ist „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher. Die Matinee im Schauspielhaus Köln (Schanzenstraße 6-20) findet am Sonntag, 19. November 2023, um 11.00 Uhr statt.
Mitwirkende Personen
„Ein Buch für die Stadt“ ist eine Initiative des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und des Literaturhaus Köln. Auf Seiten des Literaturhauses: Jetzt Bettina Fischer, am Anfang Thomas Böhm, zwischendrin Insa Wilke. Und bei der Zeitung: Jetzt Anne Burgmer, am Anfang der Autor dieser Zeilen, zwischendrin Frank Olbert. Neben Literaturhaus und „Kölner Stadt-Anzeiger“ war und ist in der Jury der Kölner Buchhandel vertreten: Ehedem Klaus Bittner (Buchhandlung Bittner) und aktuell Hildegund Laaff (Lengfeld’sche Buchhandlung). Sehr wichtig für diese Initiative ist das Engagement der institutionellen und freien Veranstalter, die sich mit eigenen Programmen einbringen.