„mama hinne / mama dalli / mama nomal“: Das Kölner Poesie-Festival „Anderland“ mit Uljana Wolf und Monika Rinck (3)

Uljana Wolf Foto: Bücheratlas

Mit Christine Lavant, die am ersten Abend des Kölner Festivals „Anderland“ von Monika Rinck (HIER) und Jenny Erpenbeck (HIER) gewürdigt wird, hat sich auch Uljana Wolf befasst. Die Schriftstellerin tritt am zweiten Abend in der Kölner Stadtbibliothek auf. Als Übersetzerin, die sie auch ist, stellt sie fest: „Wenn man sich nach Lavant-Gedichten im Englischen umschaut, kommt man nicht weit.“ In einem Aufsatz von 2015 verweist sie auf die Größe der Herausforderung: Zu beachten wäre, „dass die Gleichzeitigkeit von Schmiegen und Striemen erhalten bliebe, der weiche Rhythmus und die scheitelnde Strenge des Affekts, sein Über-die-Stränge schlagen.“

Frauen, Mütter, „muttertask“

Alles klar? Ja, das ist der markante Uljana-Wolf-Sound, an dem man seine Freude haben kann. Allerdings – ein wenig Eingewöhnung muss schon sein. Und wer zweimal liest, hat sowieso mehr vom Lesen. Aber dann entdeckt man bald schon, was für ein Vergnügen, ja, was für ein Spaß es ist, wenn Uljana Wolf die Wörter abklopft auf Klang und Bedeutung. Das lässt sich jetzt anhand einer aktuellen Lieferung herzerfrischend überprüfen: „muttertask“ heißt der Gedichtband, der soeben bei kookbooks veröffentlicht wurde und neue wie ältere Texte zusammenführt. Davon wird die Rede sein, wenn Uljana Wolf und Monika Rinck am Dienstag über ihre jeweiligen Werke sprechen.

Uljana Wolfs deutsch-englisches Sprachgemenge, ihre ganz persönliche „lengevitch“, prägt den neuen Band. Darin geht es um Frauen im Allgemeinen und Mütter im Besonderen. Hier mal zum Reinschmecken und Einhören eine Strophe aus „jane spricht motherese“ (was irgendwie nach Mutter Theresa und Muttersprech klingt): „wo s beginnt bist du maid / wo s endet bist du mad / mama hinne / mama dalli / mama nomal / mama matrjoschka / mama loschka / mama lost her / self“. 

Sehheld mit doppeltem „h“

Uljana Wolf, 1979 in Berlin geboren, ist in vielen Sprachen unterwegs. Davon war mehrfach die Rede, als sie im vergangenen Jahr für ihren Essayband „Etymologischer Gossip“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Die Lyrikerin dreht sich lustvoll in alle sprachlichen Himmelsrichtungen, pflegt Umformungen und Neuschöpfungen, schätzt das Verschreiben und Verhören: „singen will ich von sattler dem sehhelden, mit / doppeltem ‚h‘, für alle, die gerad hören und / nicht stirnnah verfolgen mit eigensten augen / das augenscheinliche (…)“.

Zu ihrem „translingualen Schreiben“ – so die einschlägige Fachterminuskreation – gehören auch Verballhornungen. Den Dadaistinnen Emmy Hennings und Hanna Höch widmet sie zwei Gedichte. Das eine ist eine „fellstudie für emmy hennings“, das andere eine „studie für höchere töchter“.

Sprachgrenzen öffnen

Der Band „muttertask“ ist ein Achtsamkeitskurs und ein Lyrikvergnügen. Er liest sich wie ein Appell, die Sprachgrenzen zu öffnen und den freien Wortwechsel zu ermöglichen.

Im Zyklus „grammargirls“ klingt Uljana Wolf gar wie eine Marianne der Sprache, die die Barrikaden stürmt: „zieht nicht zu felde mit konsorten, gleichmacher / sind sie, soldaten, sind rede, die vom zustehn / lebt. doch wer sagt, was zusteht, der verstellt / sprache von andern – verteilt posten, floskeln.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir bereits einen Beitrag über Monika Rincks Ansichten zu Christine Lavant veröffentlicht – und zwar HIER.

Ein weiterer Beitrag widmete sich Jenny Erpenbecks Neuerscheinung „Über Christine Lavant“ – und das HIER.

Dem Buchhändler Klaus Bittner haben wir zur Premiere des „Anderland“-Festivals im Mai 2023 HIER einige Fragen gestellt. 

Die Werkausgabe von Christine Lavant haben wir HIER vorgestellt.

Über die Poetica, das Kölner Poetik-Festival, haben wir mehrfach berichtet. Den Jahrgang, den Uljana Wolf kuratiert hat, gibt es HIER

Das Festival „Anderland“

wird von der Buchhandlung Bittner – namentlich von Klaus Bittner und Christoph Danne – in Kooperation mit der Stadtbibliothek Köln und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln realisiert. Es findet in diesem November zum zweiten Mal statt. Bei der Premiere im Mai 2023 traten Federico Italiano, Raoul Schrott und Jan Wagner auf.

Die Termine

„Anderland“, das Kölner Festival zur Poesie, findet in diesem Herbst zum zweiten Mal statt. An zwei aufeinander folgenden Tagen steht die Lyrik in der Kölner Zentralbibliothek am Neumarkt im Zentrum. Zu Gast sind Jenny Erpenbeck, Monika Rinck und Uljana Wolf.

Montag, 6. November, 19 Uhr – Der erste Abend ist der österreichischen Dichterin Christine Lavant (1915 – 1973) gewidmet. Zu Beginn wird das Filmporträt „Wie pünktlich die Verzweiflung ist“ (ORF 2023, circa 45 Minuten) gezeigt, das anlässlich des 50. Todestags von Christine Lavant entstanden ist. Anschließend sprechen Jenny Erpenbeck und Monika Rinck über Werk und Person.

Dienstag, 7. November, 19.30 Uhr – Am zweiten Abend stellen Monika Rinck und Uljana Wolf ihre eigenen Werke vor. 

Der Eintritt für einen Abend kostet 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Das Kombiticket für beide Abende kostet 18 Euro.

Anmeldung/Vorverkauf: Buchhandlung Klaus Bittner, Albertusstraße, Köln.

Die Mitwirkenden

Jenny Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geboren, ist Autorin zahlreicher Romane, Erzählungen und Essays. Ihre Werke wurden vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Internationalen Stefan-Heym-Preis. „Kairos“, ihr jüngster Roman, ist 2021 im Penguin Verlag erschienen. Jüngst veröffentlichte sie eine Monografie über Christine Lavant im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Monika Rinck, 1969 in Zweibrücken geboren, veröffentlichte Essays, Prosa und Gedichte. Ihre Arbeit wurde mehrfach mit Preisen gewürdigt, zuletzt mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Sie war Kuratorin der dritten Ausgabe des Kölner Festivals Poetica und ist Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien Köln. 

Uljana Wolf, 1979 in Berlin geboren, ist Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Soeben ist ihr Gedichtband „muttertask“ bei kooksbook erschienen. Für den Essayband „Etymologischer Gossip“ erhielt sie im vergangenen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik. Sie erhielt unter anderem den Peter-Huchel-Preis und den Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2022 kuratierte sie die Poetica VI in Köln.

Uljana Wolf: „muttertask“, kookbooks, 80 Seiten, 24 Euro.

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