Unterwegs in Südkorea (4): Literaturerlebnisse auf der Rolltreppe, beim Weltkulturerbe und in der Buchladenstraße von Busan

Rolltreppe mit Büchern – eine unschlagbare Kombination in der „Starfield Library“. Foto: Bücheratlas

Fotoshooting in der „Starfield Library“

Die Coex-Mall im Stadtteil Gangnam – ja, wie der von Psy besungene Style südlich des Han-Flusses – ist das angeblich größte unterirische Einkaufszentrum der Welt. Tageslicht gibt es allerdings auch. Ebenso Kino und Aquarium. Doch die „Starfield Library“ ist der ultimative Blickfang. Eine lichtdurchflutete, zweigeschossige Halle, die von vier 13 Meter hohen Kegeln mit Titeln aus allen einschlägigen Themenfeldern dominiert wird. An diesen 50.000 Büchern und Magazinen gleiten die Besucherinnen und Besucher auf Rolltreppen entlang. Viele tun dies sogar mehrfach.  

Allerdings sind die wenigsten von ihnen auf der Suche nach einem Leseerlebnis oder einem Informationsgewinn. Auch handelt es sich bei einigen Büchern auf entlegenen Regalen, die nur für Bergsteiger erreichbar wären, lediglich um staubfangende Attrappen. Trotzdem ist der Andrang groß. Denn vor allem ist diese Bibliothek ein bei Instagram gehyptes Motiv. Der Pessimist sagt: bald ist die Lesekultur nur noch eine Fotoerinnerung. Der Optimist will es anders: Bücher als begehrte Kulisse – ist ja auch schon was.

Frischluft für die „Tripitaka Koreana“

Vier Hallen für die Überlieferung – das gibt es in Haeinsa zu sehen, etwa 90 Minuten Busfahrt von Daegu entfernt. Der womöglich schönste Tempel in Südkorea, gelegen an den Ausläufern des Gayasan-Berges, ist eine Unesco-Welterbestätte. Dort wird im sogenannten Janggyeong Panjeon die Tripitaka Koreana aufbewahrt. Die umfassendste Sammlung buddhistischer Texte – bestehend aus Lehren, Regeln, Verträgen – wurde im 13. Jahrhundert auf über 80.000 Holzdruckstöcken fixiert, wobei der exakte Schnitt der Schriftzeichen gerühmt wird. Eine kurz zuvor entstandene Urversion war bei einem Mongolen-Überfall vernichtet worden.

Doch nicht nur die Textsammlung ist staunenswert, sondern auch das Ensemble aus zwei langen und zwei kürzeren Hallen um einen rechteckigen Hof. Dort werden die Tafeln keineswegs in einem Hochsicherheitstrakt gelagert. Durch die offenen Holzgitterwände kann man einen Blick auf die Blöcke erhaschen, die dicht an dicht gelagert werden. Einem ausgeklügelten natürlichen Belüftungssystem wird es zugeschrieben, dass dieser einzigartige Schatz von Insekten, Hitze, Feuchtigkeit und Feuer unversehrt geblieben ist.

In der Buchladenstraße in Busan

Busan ist die zweitgrößte Metropole in Südkorea. Zu den Attraktionen der Hafenstadt zählt die Buchladenstraße Bosu-dong. Sie wurde in den 1950er Jahren während des Koreakriegs begründet. Ein Ehepaar, das aus dem Gebiet des heutigen Nordkorea geflohen war, eröffnete in der damals provisorischen Hauptstadt Busan einen Laden mit Büchern und Magazinen. Ein einschlägiges Denkmal zeigt einen Mann im Anzug und mit einem Bücherstapel in seinen Händen.

Ihre Glanzzeit genoss die Straße in den 1970er Jahren, als hier 70 Läden um die Gunst der Lesenden warben. Heute ist es deutlich ruhiger geworden. Aber immer noch reiht sich ein vollgestopfter, zumal mit antiquarischen Titeln lockender Laden an den anderen. Und ein feines Café, das nicht zu einer der vielen Ketten im Lande gehört, gibt es hier auch. Vielleicht einen Vanille-Latte oder einen Grapefruitsaft zum Blick auf die Straße?  

Han Kang ist schnell zur Hand

Koreanisch ist eine Sprache und Schrift, die nicht jedem geläufig ist. Allerdings genießt die Literatur des Landes mittlerweile auch international einen hervorragenden Ruf. Zu dessen Verbreitung hat die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2005 beigetragen, als dort Südkorea das Gastland war. Eine literarische Spitzenkraft ist Han Kang. Der Buchhändler unseres Vertrauens, mit dem wir keine gemeinsame Sprache finden, ist trotz der Sprachbarrieren sofort im Bilde, als wir ihm den Namen vorlegen. Eine koreanische Ausgabe von „Die Vegetarierin“, 2007 im Original und 2016 auf Deutsch erschienen, ist nicht einmal eine Armlänge von ihm entfernt. Und zwei weitere Titel sind schnell gefunden.

Aber wir wollen uns ja nicht überfordern und eine Originalsprachen-Bibliothek mitnehmen. Wir belassen es beim Erwerb des Erfolgstitels. Ein Souvenir. Dass es sich tatsächlich um „Die Vegetarierin“ handelt, wissen wir dank einer Übersetzungs-App. Dies am Rande: Sich in Südkorea vegetarisch ernähren zu wollen, wie es die Heldin des Romans versucht, ist eine Herausforderung – aber davon war ja soeben im dritten Teil unserer Südkorea-Reihe HIER die Rede gewesen.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir unsere Korea-Reihe eröffnet mit einem Beitrag über Top-Attraktionen des Landes (HIER). Darauf folgten Alltagsbeobachtungen mit Hut und Hund (HIER) sowie zuletzt Anmerkungen zum Essen mit Schere und Schublade (HIER).

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